Ein ehemaliger Jobcenter-Mitarbeiter erzählt

Zwei Jahre arbeitete Jonas Berger als Arbeitsvermittler in einem Berliner Jobcenter. Er ließ sich anschreien und bedrohen und schaute hilflos beim Sozialbetrug zu. Dann hatte er genug. Ein Protokoll.


Jonas Berger (Name von der Redaktion geändert) arbeitete zwei Jahre als Arbeitsvermittler in einem Berliner Jobcenter. Das Jobcenter wollte den Vertrag des 36-Jährigen verlängern – doch Berger konnte sich nicht vorstellen, die Arbeit bis zum Rentenalter zu machen. Seit 2010 ist er selbständig. FOCUS Online protokolliert seine Erzählungen:


„Eigentlich hat die Arbeit im Jobcenter gute Rahmenbedingungen: Man hat geregelte Arbeitszeiten, bekommt einen tariflichen Lohn und ausreichend Urlaub, auch die Kollegen sind sehr nett. Aber ich wollte meiner Arbeit immer mehr abgewinnen, als nur Geld zu verdienen. Und dafür ist die Arbeit im Jobcenter schlicht die falsche: Man macht eine Arbeit, die oft nicht gewollt ist. Je mehr man sich engagiert, desto größer wird der Widerstand. Viele wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden.Ich bin jeden Tag mit schlechtem Gefühl zur Arbeit gegangen.


Für viele Kunden bedeutet ein Stellenangebot, das man ihnen vorlegt, keinen Gefallen, sondern Stress. Die schreiben dann keine Bewerbung, obwohl ihnen dann Hartz IV gekürzt wird. Viele haben ja ohnehin noch andere Einnahmequellen. Ein ungelernter Bauarbeiter beispielsweise verdient offiziell oft nur 100 Euro. Tatsächlich kriegt er aber noch 1000 Euro schwarz auf die Hand – das kann ihm nur keiner beweisen. Manche saßen vor mir und haben klipp und klar gesagt: ‚Ich zock so lange ab, bis du mich drankriegst.‘ Ein bisschen kann ich die Leute auch verstehen: Niedriglohnarbeit lohnt sich in Berlin einfach nicht. Ich habe den größten Respekt vor den Menschen, die für 1000 Euro im Monat 160 Stunden arbeiten gehen, während sie genauso viel Geld vom Staat ohne Arbeit bekommen könnten.


Zwei zufriedenstellende Vermittlungen in zwei Jahren


Diese Motivation haben viele, die zum Arbeitsamt kommen, nicht mehr. Mein ‚Lieblingsfall‘ war ein Mann, der wegen seines Hundes nicht arbeiten gehen konnte: Durch die Arbeitslosigkeit hatte der Mann ein so symbiotisches Verhältnis zu seinem Hund aufgebaut, dass dieser Möbel zerbiss oder in die Ecken kackte, sobald sein Herrchen nur fünf Minuten aus dem Raum war. Normalerweise hätte er den Hund von anderen versorgen oder weggeben müssen, um wieder arbeiten zu können. Das war für den Mann aber nach Jahren der Arbeitslosigkeit unvorstellbar.


Oder die Sache mit den Entfernungen: Manche Leute sind nicht einmal bereit, aus ihrem Bezirk herauszugehen. Da soll dann der Job in fünf bis zehn Minuten zu Fuß von der Wohnung aus zu erreichen sein.


Ich habe meist mindestens 250 Fälle betreut. Versprochen hatte das Jobcenter vor der Einstellung 150. In den schlimmsten Zeiten hatte ich 600 Kunden gleichzeitig. In den zwei Jahren habe ich viele Menschen in Ein-Euro-Jobs vermittelt. Aber in ernst zu nehmende Arbeit, so dass die Menschen dauerhaft vom Jobcenter unabhängig waren, habe ich in den ganzen zwei Jahren nur zwei Leute vermittelt.


Anders als bei anderen Behörden bringen die Menschen dem Jobcenter gegenüber keinen Respekt auf. Man hat zum Beispiel so seine Schreihälse. Jemand kommt rein und brüllt erst mal fünf Minuten. Ich hätte die Leute manchmal gerne gefragt: ‚Wenn ihr auf dem Finanzamt seid oder bei der Polizei, brüllt ihr da auch?‘ Wer einen Strafzettel bekommt, über den er sich ärgert, schreit den Polizisten ja auch nicht an. Da lästert man erst am Abend am Stammtisch drüber.


Der Panik-Knopf hilft nichts, wenn es brennt


Im Jobcenter dagegen gehören Drohungen zum Tagesgeschäft. ‚Heute nach der Arbeit warte ich auf dich‘, habe ich oft gehört. Dabei ist Arbeitsvermittler noch der netteste Job im Jobcenter. Richtig rau geht es im Eingangsbereich zu. Dort kam zum Beispiel einmal eine Person mit einer Spritze in der Hand an und sagte, sie habe Aids.


Dass die Menschen oft überreagieren, kann ich schon ein wenig verstehen. Da bricht dann oft die blanke Existenzangst durch. Schließlich wird quasi über das Leben der Leute verhandelt. Da kommen viele Ängste hoch, die meist nicht begründet sind.


Der Panik-Knopf, von dem jetzt wieder so viel die Rede ist, wurde etwa einmal pro Woche gedrückt. Ich habe ihn auch einmal gedrückt, aber das war mehr zum Test. Wenn es wirklich brennt, hilft der Panik-Knopf überhaupt nichts. Das ist kein großer roter Knopf unter dem Schreibtisch oder so etwas, sondern ein auf dem Computer installiertes Programm – das findet man bei ernster Gefahr nicht schnell genug. Ich konnte den Panik-Knopf jedenfalls nicht mehr drücken, als einmal jemand auf mich losgehen wollte. Da hieß es nur noch auf und davon. Ich bin so schnell ich konnte raus aus dem Büro gerannt, ein Stockwerk tiefer, habe mich im Aufenthaltsraum eingeschlossen und den Sicherheitsdienst gerufen. Passiert ist mir zum Glück nichts.


Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, den Job 40 Jahre lang zu machen. Dabei haben mir viele Kollegen gesagt, ich hätte nur noch ein Weilchen durchhalten sollen. ‚Noch ein Jahr, und dann ist dir das egal‘, haben sie gesagt. Als das Jobcenter mir angeboten hat, meinen Zwei-Jahres-Vertrag zu entfristen, habe ich aber abgelehnt.“

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