"Ich kann nicht mehr!"

  • ... von einem benachbarten Unternehmen erreichte mich vor kurzem eine betrübliche Nachricht :wein: .


    Ein Sicherheitsmitarbeiter - 51 Jahre alt - ist plötzlich an einem Herzinfarkt verstorben. Im Nachhinein wurde festgestellt, dass dieser Herzinfarkt scheinbar durch einen extremen, physischen und psychischen Erschöpfungszustand verursacht bzw. ungünstig beeinflusst wurde ...


    Natürlich kann man einen solchen Erschöpfungszustand nicht bei einer Obduktion feststellen, aber es stellte sich jetzt heraus, dass dieser Sicherheitsmitarbeiter mehrfach bei seiner Einsatzleitung vorgesprochen und zuletzt schon mehrfach "gefleht" hat, seine monatliche Stundenbelastung doch zu reduzieren, da er "nicht mehr könne". Er hatte in den letzten 7 Monaten regelmässig 300-312 Std. pro Monat im Wechseldienst (Tag/Nacht) gearbeitet ...


    Warum auf seine "Hilferufe" nicht eingegangen wurde ... darüber schweigt die Einsatzleitung jetzt ... es wird sich darauf beschränkt, ein betretenes Gesicht zu machen und mit den Schultern zu zucken ...


    Die Familie des verstorbenen Sicherheitsmitarbeiters gibt an, dass dieser einen Arztbesuch wegen seiner Erschöpfung immer wieder abgelehnt hätte, weil er sich geschämt hätte, evtl. krankgeschrieben zu werden. Sie erwägt jetzt, gegen den Arbeitgeber wegen dessen Verletzung der Fürsorgepflicht seinem Arbeitnehmer gegenüber vorzugehen. Welche Erfolgsaussichten bestehen dabei? Der verstorbene Sicherheitsmitarbeiter hinterlässt eine Ehefrau und drei (mittlerweile) erwachsene Kinder ...


    Wie sieht es bei Euch aus? Werden solche Äusserungen wie "Ich kann nicht mehr!" ernstgenommen oder werden sie nach dem Motto "Stell' Dich nicht so an!" oder "Wenn Du das hier nicht mehr kannst, dann geh' doch woanders hin!" abgetan?

  • Quote from "Cujo"


    Wie sieht es bei Euch aus? Werden solche Äusserungen wie "Ich kann nicht mehr!" ernstgenommen oder werden sie nach dem Motto "Stell' Dich nicht so an!" oder "Wenn Du das hier nicht mehr kannst, dann geh' doch woanders hin!" abgetan?


    "[...]"Stell' Dich nicht so an!" oder "Wenn Du das hier nicht mehr kannst, dann geh' doch woanders hin!" abgetan?[...]", genau das.


    Das Problem ist, dass viele von den Leuten oft junge Kerls sind, die wirklich ackern können ohne Ende und auf das Geld geil sind. Die merken garnicht, was die sich da antun (lassen). Meistens ist dann damit recht schnell Schluss, wenn ihnen deswegen mal die Freundin abgehauen ist.


    Muss es soweit kommen? 180 Stunden sind mein Regelsatz. Das passt. Und wenn Not am Mann ist auch mal mehr, aber über 200 lasse ich selber nicht mehr zu. Ich bade keine Personalplanungsfehler der Einsatzleiter mehr aus.


    Und für ""[...]Stell' Dich nicht so an!" oder "Wenn Du das hier nicht mehr kannst, dann geh' doch woanders hin!" abgetan?[...]" gibt es immer noch eine Antwort die sowas recht schnell beendet:


    "Nein, mache ich nicht und wenn es euch nicht passt, dann schmeißt mich doch raus.". :cool:

  • ein Extrembeispiel


    aber wieviele andere Sicherheitsleute bewegen sich in diesem Dunstkreis kurz vor der völligen Erschöpfung, ohne rechtzeitig die Notbremse zu ziehen ?


    falls man beweisen könnte, daß sein Zustand bzw, Ableben mit vorsätzlichen Verstößen gegen das Arbeitszeitgesetz verursacht bzw. zusammenhängt ,
    kriegt der AG die dicke Keule


    <!-- m --><a class="postlink" href="http://www.gesetze-im-internet.de/arbzg/__23.html">http://www.gesetze-im-internet.de/arbzg/__23.html</a><!-- m -->
    <!-- m --><a class="postlink" href="http://dejure.org/gesetze/StGB/222.html">http://dejure.org/gesetze/StGB/222.html</a><!-- m -->


    sollte ein derartiges Urteil gefällt werden, wäre es sicherlich der Hammer


    auf der anderen Seite : wieviel Schuld gibt man dem Mann selbst ?
    es stand ihm ja frei, einen Arzt zu besuchen, der ihn krankgeschrieben hätte
    es stand ihm auch frei, zu sagen, nein, soviel arbeite ich nicht mehr
    es stand ihm frei, zu kündigen, etwas anderes zu suchen
    niemand hat ihn mit vorgehaltener Waffe gezwungen, weiterzumachen...

  • Quote from "Einsatz24"

    Muss es soweit kommen? 180 Stunden sind mein Regelsatz. Das passt. Und wenn Not am Mann ist auch mal mehr, aber über 200 lasse ich selber nicht mehr zu. Ich bade keine Personalplanungsfehler der Einsatzleiter mehr aus.


    Unter 220 Stunden wird meine bessere Hälfte gar nicht erst warm... Dies hängt damit zusammen, dass hier nur Objekte sind auf denen wenig gezahlt wird (Tarif 7,26 €). Wenn du in "Plattengülle" überhaupt einen AG findest, der Tarif zahlt. Auf die größeren Objekte kann er nicht gehen, zum einen weil er Ausländer ist, zum anderen weil er die SÜG nicht bestehen würde :grummel. - die Jugendsünden holen ihn ein :pein: .


    Es ist einmal vorgekommen, dass er und ein Kollege ein Objekt aufrecht hielten: 6 Wochen á 12 Stunden ohne Freischicht. Bis ihnen der Kragen geplatzt ist und sie dem AG deutlich machten, dass sie nach Haus gehen wenn sich nicht bald was ändert. Und siehe da: Es wurden Leute eingestellt.

    "Wer in die Fußstapfen anderer tritt hinterlässt keine eigenen Spuren" (Wilhelm Busch)

  • Kriegsrat, du hast Recht, niemand dürfte ihn gezwungen haben. Aber was ich (auch aus eigener Erfahrung) sagen kann: Ab einem bestimmten Alter, gepaart mit einer arbeitsschwachen Region, nimmst du jeden Strohhalm. Du schluckst Kröten damit du nicht arbeitslos wirst, die Spirale dreht sich weiter nach unten. Wenn dein AG nur tariflich zahlt, bekommst du davon im Falle eines Falles 60% vom letzten Netto - die Zuschläge bleiben aussen vor - damit kann es finanziell noch schneller bergab gehen.


    Es ist einfach zu sagen: "Dann geh ich halt" - das bittere Erwachen kommt schneller als einem lieb ist.

    "Wer in die Fußstapfen anderer tritt hinterlässt keine eigenen Spuren" (Wilhelm Busch)

  • Quote from "Arvasi"

    Es ist einfach zu sagen: "Dann geh ich halt" - das bittere Erwachen kommt schneller als einem lieb ist.


    wenn man überhaupt noch erwacht (siehe oben)
    nichts ist wirklich einfach
    die Situation in unserer Branche bei vielen ist mir wohlbekannt


    bloß sollte man irgendwann den Kreis durchbrechen,
    sich "totschuften" hilft auch nicht wirklich

  • @ kriegsrat ...


    Quote from "Cujo"

    ... gegen den Arbeitgeber wegen dessen Verletzung der Fürsorgepflicht seinem Arbeitnehmer gegenüber vorzugehen. ...


    ... siehst Du persönlich reelle Chancen für die Hinterbliebenen? Welche konkreten Ansprüche könnten diese geltend machen? Welcher Art könnten evtle. "Entschädigungen" sein?

  • die Hauptfrage wird die Beweisbarkeit sein
    was kann man wem schuldhaft nachweisen
    trägt jemand rechtlich gesehen die Verantwortung am Ableben des Kollegen


    einen Anfang könnte man machen mit einer Strafanzeige gegen Unbekannt bei der Staatsanwaltschaft
    die dann ermitteln wird


    das andere wäre ja zivilrechtlich einzuklagen
    so aus dem Bauch heraus würde ich das aber skeptisch sehen


    ob praktisch Chancen bestehen, kann vermutlich keiner genau sagen
    auch ein Fachanwalt wird sich diesbezüglich auch nur eine Meinung bilden können,
    die dann Richter bestätigen oder verwerfen
    kann man sich diesbezüglich einen wirklich guten Anwalt leisten ?
    kann man sich den Instanzenweg bis zum höchsten Gericht leisten ?
    kann man sich ärztliche Gutachten leisten ? Gegengutachten bezahlen?
    hat man die Nerven, evtl. jahrelang zu prozessieren ?
    hat derjenige, den man verklagt, überhaupt Geld, das man dann fordern könnte?

  • Quote from "Arvasi"


    Unter 220 Stunden wird meine bessere Hälfte gar nicht erst warm...


    Das ist genau das was ich mit "dem Geld hinterher rennen" meinte.


    Fakt ist: Soll er mich doch rausschmeißen. Denn wenn er mich schon zur Arbeit nötigen will, dann wird er es sich kaum leisten können dann auch jetzt noch einen MA zu verlieren, denn wer soll es dann machen? Und das machen, was derjenige hätte machen sollen. Da bin ich in einer wesentlich stärkeren Position. Und ich habe das schon gemacht...


    Wehrt euch Leute! Den wer mitzieht macht das Problem doch nur schlimmer, denn jedesmal wenn die damit durchkommen, dann machen die das immer wieder. Und dann sterben Menschen.


    Krankschreibung wegen Erschöpfung ist übrigens kaum das Problem. Meine Hausärztin (bei der ich genau zweimal in den letzten 6 Jahren war) bot mir bereits am ersten Tag an - nachdem sie erfahren hatte was ich arbeite - dass es "kein Problem wäre" jemanden der nur Nachtschicht "in der Branche" macht mal für 7 Tage auf Schein heimzuschicken zum Ausschlafen.

  • Ich kann nicht mehr,höre ich überall.In meiner letzten Firma ( Kasernenbewachung) konnte man sich die 12er aber noch aussuchen.In meiner jetzigen aber nicht! Wir fangen je nach Tour zwischen 05:00-07.00 Uhr an.Aber ganz selten hören wir vor 17:30 auf.Im allgemeinen kommt man unter 12 Std.aber nicht weg.Ich hatte gleich am ersten Arbeitstag 13 Std. absolviert.Und danach eigentlich nur 12er gekloppt.Ich möchte mal wissen, wo das eigentlich noch hinführen soll.Man lebt doch nicht um zu arbeiten,sondern man arbeitet doch um leben zu können.Was für ein Leben. (57) :bier:

  • @Einsatz: Es hat nunmal nicht jeder die gleichen Voraussetzungen und Qualifikationen. Was z. B. in München funktioniert läuft leider nicht im tiefsten Niedersachsen. Es ist ein Unterschied, ob ich eine ausgebildete Fachkraft bin oder eine angelernte Servicekraft die Berufserfahrung aufweisen kann. Ebenso werden in München andere Tarife gezahlt, die Objekte sind vielleicht auch aufwendiger, ich weiß es nicht. Fort- und Weiterbildungen bezahlt der AG nicht, solltest du dies auf eigene Kosten machen, wirst du hinterher nicht eingestellt - als Fachkraft bist du halt zu teuer.


    Natürlich würden weder mein Mann noch ich dies nochmals mitmachen und vorher die Leine ziehen... Aber auch im Kollegenkreis sind 220 bis 240 Stunden völlig normal. Mit 180 Stunden würde hier niemand in der Lage sein den Lebensunterhalt zu bestreiten.


    Ist eine Quadratur des Kreises...

    "Wer in die Fußstapfen anderer tritt hinterlässt keine eigenen Spuren" (Wilhelm Busch)

  • Ich kriege auch nur Separatwachdienstlohn... obwohl ich Fachkraft und angehender Meister bin.


    Ich schränke mich halt ein, wobei ich das meiste eben nicht als Einschränkung empfinde. Ich kenne Zig Wachleute die über zu wenig Kohle jammern, aber dicke Autos auf Pump fahren, immer das neueste Handy haben müssen und alle zwei Wochen eine andere 10.000+ Lumen Special Ops Ninja-Commando Lampe anschleppen müssen.


    Viele Leute können halt mit Geld leider auch nicht umgehen. Was in unserer Branche auch ein bekanntes Problem ist. Da gibt es Kollegen denen 2000€ nicht genug sind und Kollegen die mit 1500€ liebevoll eine Familie ernähren...


    Meine Gefährtin und ich leben nicht zusammen (sie in einer WG) und verdienen in etwa das gleiche obwohl sie eine richtig gute Ausbildung, aber auch keine dazu passende Stelle hat. Würden wir zusammen wohnen wäre auch mehr Geld da, aber aktuell reicht es sowohl ihr als auch mir. Man schränkt sich halt ein, aber deswegen leben wir nicht schlecht.


    Eher gebe ich mein Auto auf, als dass ich jeden Monat noch zwei Tage weniger mit meinen Leuten zusammen sein kann oder ich auf meinen Sport verzichten muss oder ich sonst wo an meiner Frei- und Lebenszeit spare.

  • Quote from "Einsatz24"

    Viele Leute können halt mit Geld leider auch nicht umgehen. Was in unserer Branche auch ein bekanntes Problem ist.


    es ist auch schwer, in der heutigen Zeit


    Kredite, Leasing, Zahlpausen, Kartenzahlung und und und
    es wird einem leicht gemacht, in eine Situation zu kommen, aus der man schwer bis gar nicht mehr herauskommt


    und die Signale aus der Politik : Schulden, Schulden, Schulden
    Zahlungsunfähigkeit mit weiteren Schulden überbrücken............

  • Hallo Wachschutzforum,


    dies ist mein erster Beitrag hier, ich hoffe das ich jetzt nicht so sehr vom Thema abweiche.


    Ich war über vier Jahre als Abteilungsleiter in Berlin für eine spezielle Objektbewachung tätig und habe mich in dieser Zeit mehr als kaputt gespielt. Es lag an vielen Faktoren wie z.B. akuter Stress, Geldmangel und allg. Existenzangst.


    Zu Beginn meiner Tätigkeit war ich der Meinung ich könnte vieles verändern, ich könnte das Gewerbe perfektionieren und bei mir als "Chef" wird alles anders, diesen Kampf habe ich jedoch sehr schnell verloren, es hat sich sehr schnell steil nach unten entwickelt.


    Der Lohn war mehr als überschaubar, dafür jedoch wurden von der Firmenleitung Wunder erwartet, im besten Fall 24 Stunden arbeiten ohne Pause und Zuschläge, hat man als Mitarbeiter mal "Nein" gesagt gab es derbe Ärger, viele haben vor Angst den Job zu verlieren immer und ständig nachgegeben, viele meiner Leute sind krank geworden und einer hatte sogar ein Schlaganfall. Menschlichkeit? davon habe ich nichts gespürt... Meine Anweisung war den Dienstplan abzudecken egal WIE..


    Ich habe als Ex-Leiter oftmals versucht ein wenig für Motivation zu sorgen, habe meine Teamkollegen zum Essen eingeladen und hatte immer ein offenes Ohr jedoch war es für mich auch eine Doppelbelastung die ich nicht lange ertragen habe.


    Ich möchte jetzt kein Mitleid erregen sondern einfach nur meine Erfahrungen zum Ausdruck bringen. Das Bewachungsgewerbe ist wirklich kein Zuckerschlecken, mal eine gute Firma zu erwischen wo wirklich alles stimmt ist äußerst schwer geworden.

  • Willkommen im Forum, Knallkopf.


    Mein Mann hat nach 3,5 Jahren die Leine gezogen und die OL freiwillig aufgegeben. Er hat, ähnlich wie du, sich laufend für die Kollegen eingesetzt, Wünsche bei der Planung berücksichtigt, war der Kummerkasten. Im Endeffekt hat er einen Kindergarten geleitet, es ist kaum zu glauben wie erwachsene Männer sich verhalten können.


    Irgendwann ging es einfach nicht mehr: Kollegen, die mal eben frei wollten, gaben einfach einen gelben Schein ab, ständig Streit weil jeder Recht behalten wollte und endlose Diskussionen warum die Dienstanweisungen eingehalten werden müssen...


    Freizeit? Fehlanzeige! Wenn er sich mal einen freien Tag eingeplant hatte, kam morgens ein Anruf weil wieder irgendjemand nicht zum Dienst erschien. Wir setzten uns zusammen und beschlossen, freiwillig auf das Geld zu verzichten, das war die Sache einfach nicht wert.

    "Wer in die Fußstapfen anderer tritt hinterlässt keine eigenen Spuren" (Wilhelm Busch)