Gefährdungen durch Vibrationen erkennen und minimieren

  • Am 6. März 2007 trat die Verordnung zum Schutz der Beschäftigten vor Gefährdungen durch Lärm und Vibrationen (Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung – Lärm-VibrationsArbSchV) in Kraft. Der Gesetzgeber hat damit die EU-Richtlinien 2002/44/EG (Vibrationen) und 2003/10/EG (Lärm) in nationales Recht umgesetzt. Mit der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung wird der Arbeitgeber verpflichtet, die Gefährdung durch die Vibrationseinwirkung an Arbeitsplätzen zu ermitteln und zu bewerten sowie ggf. Präventionsmaßnahmen zu ergreifen und arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen durchführen zu lassen. Dieser Beitrag beschreibt die Forderungen an den Arbeitgeber bezüglich Vibrationen und stellt speziell für die Gefährdungsbeurteilung einfache Handlungshilfen vor.

    Vibrationseinwirkungen im Sinne der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung sind mechanische Schwingungen, die auf den Menschen über eine Kontaktfläche am Körper eingeleitet werden und damit in der Folge zu einer Gefährdung der Sicherheit und Gesundheit führen können. In Abhängigkeit von der jeweiligen Einleitstelle auf den Körper wird zwischen Hand-Arm-Vibrationen und Ganzkörper-Vibrationen unterschieden.

    Hand-Arm-Vibrationen
    Hand-Arm-Vibrationen treten beim Einsatz von handgeführten, kraftbetriebenen Maschinen (z.B. Bohrmaschinen, Mauernutfräsen, Winkelschleifer) auf. Die Vibrationen der Maschine werden dabei über die Hände auf das Hand-Arm-System übertragen. Hier können sie insbesondere das Muskel-Skelett-System (Knochen, Gelenke, Muskeln, Sehnen) schädigen sowie Durchblutungsstörungen der Finger oder neurologische Funktionsstörungen an den Händen und Armen (z.B. Kribbeln oder Taubheitsgefühl in Finger und Händen) verursachen.



    Arbeiten mit Bohr- und Stemmhämmern sind ein typisches Beispiel für Hand-Arm-Vibrationen.


    Ganzkörper-Vibrationen
    Bei Ganzkörper-Vibrationen erfolgt die Einleitung der Vibrationen auf den sitzenden oder stehenden Menschen. Betroffen sind davon vor allem Beschäftigte, die mobile Maschinen steuern oder bedienen (z.B. Führer von Flurförderzeugen oder Baufahrzeugen bzw. –maschinen). Beim Menschen verursachen Ganzkörper-Vibrationen insbesondere Rückenschmerzen oder Schäden an der Wirbelsäule.


    Es können jedoch auch Beschwerden im Magen-Darm-Bereich, Durchblutungsstörungen oder Schädigungen der weiblichen Fortpflanzungsorgane auftreten. In Kombination mit einer längeren Sitzhaltung können Ganzkörper-Vibrationen zur Entstehung von Krampfadern oder Hämorrhoiden beitragen. Besonders niederfrequente Ganzkörper-Vibrationen können zu Übelkeit führen.



    Personen, die Flurförderfahrzeuge führen, können von Ganzkörpervibrationen betroffen sein.


    Vibrationseinwirkungen in kalter oder nasser Umgebung sowie ungünstige Körperhaltungen in Verbindung mit Ganzkörper-Vibrationen erhöhen das Risiko einer gesundheitsschädigenden Einwirkung erheblich.

    Als besonders schutzbedürftige Personengruppen in Hinblick auf Vibrationseinwirkungen sind werdende Mütter und Jugendliche zu nennen. Das Mutterschutzgesetz beinhaltet dahingehend ein Beschäftigungsverbot für werdende Mütter, die bei ihren Arbeiten schädlichen Einwirkungen von Erschütterungen oder Lärm ausgesetzt sind. Nach Ablauf des dritten Monats der Schwangerschaft gilt ein generelles Beschäftigungsverbot für werdende Mütter auf Beförderungsmitteln.


    Für die Jugendlichen besteht ebenfalls ein Beschäftigungsverbot für Arbeiten mit schädlichen Einwirkungen von Erschütterungen oder Lärm. Hierzu sind jedoch Ausnahmeregelungen im Jugendarbeitsschutzgesetz aufgeführt. In die Liste der Berufskrankheiten sind in Deutschland derzeit drei vibrationsbedingte Erkrankungen aufgenommen worden:

    BK 2103 - Erkrankungen durch Erschütterung bei Arbeit mit Druckluftwerkzeugen oder gleichartig wirkenden Werkzeugen oder Maschinen.


    BK 2104 - Vibrationsbedingte Durchblutungsstörungen an den Händen, die zur Unterlassung aller Tätigkeiten gezwungen haben, die für die Entstehung, die Verschlimmerung oder das Wiederaufleben der Krankheit ursächlich waren oder sein können.


    BK 2110 - Bandscheibenbedingte Erkrankungen der Lendenwirbelsäule durch langjährige, vorwiegend vertikale Einwirkung von Ganzkörperschwingungen im Sitzen, die zur Unterlassung aller Tätigkeiten gezwungen haben, die für die Entstehung, die Verschlimmerung oder das Wiederaufleben der Krankheit ursächlich waren oder sein können.

    Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland ca. 1,2 Millionen Erwerbstätige einer gesundheitsgefährdenden Hand-Arm-Vibration und ca. 1,1 Millionen Erwerbstätige einer gesundheitsgefährdenden Ganzkörper-Vibration ausgesetzt sind. Eine Erkrankung aufgrund beruflicher Vibrationseinwirkung ist für jeden Betroffenen mit Einbußen an Lebensqualität verbunden. Ziel der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung ist es, gesundheitsgefährdende Vibrationseinwirkungen zu erkennen und das Entstehen vibrationsbedingter Erkrankungen mit gezielten Präventionsmaßnahmen zu verhindern.


    Quelle s. ab Seite 16