"Mehr Rechte für private Sicherheitsdienste"

Nachdem Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg ankündigten, aus Kostengründen die Einsatzstärke der Polizei bei Fußballspielen zu senken, befinden sich Politiker, Gewerkschafter, Fußballverbände, Vereine und Fans in einer regen Debatte über Sinn und Unsinn des Rückzugs. Kritiker wie der Innenausschuss-Vorsitzende des Deutschen Bundestags, Wolfgang Bosbach (CDU), befürchten eine Sicherheitslücke. Vereinsvertreter fragten bereits sarkastisch, ob sich die Vereine jetzt bewaffnen sollen. Im Interview mit der "Welt" spricht Harald Olschok über die Grenzen und Möglichkeiten privater Sicherheitsdienste. Der 59-jährige ist seit 22 Jahren Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Sicherheitswirtschaft (BDSW) und vertritt die Branchenführer der insgesamt 4000 Sicherheitsdienste in Deutschland.


Die Welt: Herr Olschok, werden die privaten Sicherheitsdienste von der aktuellen Entwicklung profitieren?


Harald Olschok: Der Einsatz von Ordnern wird voraussichtlich weiter zunehmen, ja. Aber dass sich die Polizei zurückzieht, ist ja nichts völlig Neues. Auch wenn das Thema aktuell an Gewicht gewonnen hat, ist der Trend bereits seit vier bis fünf Jahren erkennbar. Und natürlich begünstigt das unsere Branche.


Die Welt: Inwieweit können die Firmen Polizeiarbeit übernehmen?


Olschok: Viele unterscheiden in der aktuellen Diskussion nicht zwischen dem öffentlichen Raum und dem Bereich im Stadion. Das muss man trennen. Wir können nur innerhalb des Stadions, wo das Hausrecht des Veranstalters gilt, tätig werden.


Die Welt: Aber auch dort sind ihre Kompetenzen und Möglichkeiten begrenzt. Sie dürfen beispielsweise keine Waffen tragen.


Olschok: Das dürfen und wollen wir auch nicht.


Die Welt: Auch keine Helme.


Olschok: Nein.


Die Welt: Gepolsterte Schutzkleidung ?


Olschok: Nein.


Die Welt: Bei vielen Fußballspielen sieht man ältere oder untrainierte Ordnungskräfte. Es ist schwer vorstellbar, wie eine 60-jährige Frau im orangefarbenen Leibchen im Einsatzfall in die Kurve einrückt, etwa um ein verbotenes Banner zu entfernen, oder einen handfesten Streit zu schlichten.


Olschok: Ein extremes Beispiel, das aber auch zeigt, wo wir ansetzen müssen. Sicherlich hat seit der WM 2006, durch die damaligen Vorgaben der Fifa, bei den Diensten bereits eine Professionalisierung eingesetzt. So arbeiten einige Klubs längst mit entsprechend ausgebildetem Sicherheitspersonal, das identifizierte Straftäter nach dem Spiel festhält. Und dort werden Sie sicherlich nicht die 60-jährige Dame im Leibchen finden. An einem Bundesligaspieltag sind in Deutschland mittlerweile bis zu 10.000 private Sicherheitsleute im Einsatz. Aber hier muss man auch genau hinsehen und unterscheiden zwischen jenen, die für unsere Unternehmen arbeiten – also auch den Mindestlohn von 8,50 Euro erhalten sowie eine 40-stündige Zwangsschulung bei einer IHK absolviert haben, und den vereinseigenen Ordnern, die für fünf Euro pro Stunde irgendwo in der Ecke stehen.


Die Welt: Sie nehmen die Vereine in die Pflicht?


Olschok: Die Professionalität muss zunehmen. Bei unseren Firmen, aber eben auch bei den Klubs. Die Innenministerkonferenz, die sich im Übrigen seit fünf Jahren auf jeder ihrer Sitzungen mit dem Thema Fußball beschäftigt, hat bereits 2012 eine bessere Qualifizierung und auch Zertifizierung der Ordnungskräfte gefordert. Umgesetzt wurde das allerdings bis heute nicht.


Die Welt: Wen sehen Sie da in der Pflicht?


Olschok: Neben der Politik auch die DFL, die im Rahmen der Lizenzierung entsprechende Vorgaben machen könnte. Einige Klubs, vor allem die finanziell besser gestellten, machen das ja bereits richtig gut und erfolgreich, aber viele Vereine haben sich mit dem Thema scheinbar noch nicht ausreichend auseinandergesetzt und sparen am falschen Ende. Der Aufschrei, wenn vor dem DFB-Sportgericht wegen mangelnden Sicherheitsdienstes fünfstellige Summen gezahlt werden müssen, ist stets groß. Immer wieder wird gefordert die Einlasskontrollen zu intensivieren und zu verbessern. Dafür braucht es aber mehr Personal. Quantitativ wie qualitativ. Zudem brauchen wir mehr Rechte und Kompetenzen.


Die Welt: Inwiefern?


Olschok: Seit vier Jahren sind die Klubs von der Politik aufgefordert, die Fans auch auf Auswärtsfahrten mit privaten Sicherheitskräften zu begleiten. Eine knifflige Sache, denn die Ordner besitzen de facto keine besonderen Rechte. Es wäre hilfreich, wenn sie in den Zügen oder Bahnhöfen wie im Stadion zumindest ein Anhalterecht hätten und Personalien feststellen dürften.


Die Welt: Dennoch: Täuscht der Eindruck, oder werden heute mehr Täter identifiziert als noch vor einigen Jahren?


Olschok: Aufgrund verbesserter Videotechnik gelingt das immer häufiger, ganz klar. Doch auch in diesem Bereich sehe ich Verbesserungsbedarf. Die Vereine sprechen nach der Täteridentifizierung und -überführung Stadionverbote aus, deren Einhaltung wir aber beim Einlass nicht kontrollieren können. Aus Datenschutzgründen wird uns nicht mitgeteilt, wer ins Stadion darf und wer nicht. Auch das ist ein riesen Defizit der Politik.

Comments 6

  • Herr Olschok verweist im Interview auf die 40 stündige Unterrichtung als Qualitätsmerkmal. Gerade in der teilweise aufgeheizten Atmosphäre eines Stadions reicht diese m.E. in keiner Weise aus. Auch wenn der Gesetzgeber keine SKP fordert.

    • Ohne Hr. Olschok jetzt zu Nahe treten zu wollen ist er in meinen Augen nicht mehr als ein Schreibtischtäter und eine Gallionsfigur des BDSW. Wie sonst erklären sich solche Aussagen?! Er spricht ständig von Qualifizierung und Zertifizierung. Das ist sicherlich richtig und sollte auch voran getrieben werden. Aber gerade in diesem Sektor zählt die Erfahrung im Umgang mit Fans und Ultras. Da kann man das beste Sicherheitskonzept der Welt geschrieben haben, aber wenn man nicht in der Lage ist, kurzfristig auf die Launen und Eigenartigen der Fußballanhänger einzugehen hat man verloren. Und dieses Qualitätsmerkmal lernt man nicht am Schreibtisch.

    • Nachtrag: Selbstverständlich spreche ich hier von professionellen Sicherheitsdienstleistern. Eine SKP der eingesetzten Mitarbeiter sollte Pflicht sein. Eine Unterrichtung reicht hier in keinster Weise aus.

  • Der unmittelbare Zwang wäre nicht nötig, wenn Verweigerung mit einer wie auch immer gearteten Strafe belegt wäre.... wie schon jetzt bei Mitwirkungsverweigerung bei Kontrollen des OA und diese dann neben dem Ordnungsgeld auch den Polizeieinsatz zahlen dürfen. Aber damit bewegt man sich deutlich im Bereich der hoheitlichen Maßnahmen die man nicht allzu leicht auf private Sicherheitsdienste verlagern sollte.... im Rahmen einer Beleihung ist das dann wieder etwas völlig anders.

  • Immer wieder gut diese Forderungen. Da wird die Möglichkeit zur IDF gefordert. Ich kann auch jetzt schon die Personalien aufnehmen, ich kanns nur nicht zwangsweise durchsetzen. Das bedeutet wiederum, dass hier unmittelbarer Zwang für Jedermann gefordert wird. Das kann ich nicht gutheißen.