In fünf Tagen zum Sicherheitsmann

Drogen gehen immer. Ob die Lüftung nicht funktioniert oder das Mittagstief auf die Aufmerksamkeit drückt – plötzlich sind alle wieder da. Marc Boll weiß das, schließlich bildet er seit mehr als zehn Jahren Sicherheitsleute aus. „Also, hatte einer von euch schon mal bei der Arbeit Ärger mit Drogen?“ Ein junger Typ zeigt auf, Can, er trägt die schwarzen Haare zu einer akkuraten Frisur drapiert, wie sie auf den Fußballplätzen, in den Wettbüros und Shisha-Bars des Landes derzeit modern sind. „Ich habe einem Gast Drogen abgenommen, als ich sie bei ihm auf dem Tisch gesehen habe“, erzählt er. „Ganz gefährlich“, sagt Boll. „Wenn ihr die Drogen an euch nehmt, macht ihr euch nämlich selbst strafbar, Inverkehrbringen von Drogen nennt man das.“ Can wendet ein: „Aber es kam sofort die Polizei, und denen habe ich die Drogen übergeben.“ „Dann hast du eigentlich alles richtig gemacht“, sagt Boll. Can ist damit immer noch nicht zufrieden. „Ja, aber am Ende musste ich trotzdem 600 Euro zahlen.“ Boll: „Aber wofür denn, mit den Drogen hast du doch alles richtig gemacht. Ist sonst noch was vorgefallen?“ Can erzählt weiter: „Ich bin mit dem Typen rausgegangen, der wollte seine Drogen wiederhaben, hab ich ihm nicht gegeben. Dann haben wir Polizei gerufen und gewartet.“ „Wie, ihr habt gewartet?“, fragt Boll nach. „Na ja, haben wir Schlägerei gehabt.“ Willkommen bei der Unterrichtung im Sicherheitsgewerbe, Deutschlands wohl fragwürdigster Ausbildung.


Wenn über die Wachstumsbranchen des Landes gesprochen wird, dann geht es um Autos, Mittelstand, Maschinen. Rechnet man Wachstum in Arbeitsplätze um, taucht aber eine ganz andere Branche in der Spitze auf: Seit 2010 sind im Sicherheitsgewerbe mehr als 50.000 neue Jobs entstanden, gut 250.000 Menschen arbeiten dort. Derzeit verzeichnet die Bundesagentur für Arbeit mehr als 15.000 offene Stellen. Insgesamt werden jährlich mehr als fünf Milliarden Euro für Bewachung ausgegeben. Allein die drei größten Anbieter Securitas, Kötter und NWSG setzten mit Sicherheitsdienstleistungen in Deutschland 2014 mehr als 1,2 Milliarden Euro um, knapp 20 Prozent mehr als 2010. Ob in Kaufhäusern, Nahverkehrszügen oder exquisiten Wohngebieten, wo jemand mit wachen Augen seine Runden dreht, fühlen sich die Menschen sicherer. An Bahnhöfen und Flughäfen gilt Selbiges. Hunderttausende ankommende Flüchtlinge, die untergebracht und bewacht werden müssen, haben die Nachfrage seit vergangenem Jahr noch einmal schlagartig erhöht. Gleichzeitig gelten die Mindestlohnjobs mit ihren unmöglichen Arbeitszeiten nicht gerade als übermäßig attraktiv. Da drängt sich die Frage auf: Wo kommen all die neuen Mitarbeiter her? Um das herauszufinden, ist der Kurs „Unterrichtung im Sicherheitsgewerbe“ genau der richtige Ort. Wer den absolviert hat, der darf nahezu alle Jobs in der Branche übernehmen, zumindest solange keine Waffen ins Spiel kommen. Auch die Gründung eines eigenen Sicherheitsunternehmen ist dann möglich.



Durchfallquote: Null Prozent


Marc Boll ist ein erfolgreicher Trainer, wenn man sich seine Kategorien zu eigen macht. 21 Teilnehmer sind zur Unterrichtung bei dieser Industrie- und Handelskammer im östlichen Ruhrgebiet gekommen, Trainer und alle Teilnehmer, 19 Männer und 2 Frauen, haben in der Realität selbstverständlich andere Namen. Um hier mitmachen zu dürfen, gibt es nur eine Voraussetzung: Verständnis der deutschen Sprache. Um zu bestehen, müssen die Teilnehmer 40 Stunden Unterricht mitmachen, am Ende steht eine kleine Prüfung. „Aber macht euch da mal keine Sorgen“, beschwichtigt Boll gleich zu Beginn. „Ich habe in diesem Jahr eine Durchfallquote von null Prozent – und ich werde alles tun, um die zu halten.“


Boll ist der Typ freundlicher Rüpel. Tut nichts – solange du nett zu ihm bist. Von seiner Bundeswehrlaufbahn hat er die Muskelpakete behalten, in den Jahren als Chef einer Bewachungsfirma kam das Unternehmerbäuchlein dazu. Er weiß, wovon er spricht – und wie er es an den Mann bringt. Was ist der Unterschied zwischen einem Raub und einem räuberischen Diebstahl? „Beim Raub kommt erst hauen, dann klauen, beim räuberischen Diebstahl ist es umgekehrt.“


Der Kurs ist aufgeteilt in drei Blöcke: Recht, Arbeitsschutz und Umgang mit Menschen. Im Prinzip wird dabei alles behandelt, was für die Sicherheitsmitarbeiter von Bedeutung ist: Bürgerliches Gesetzbuch, Strafgesetzbuch, Schusswaffengebrauch, Drogendelikte. Bloß: 40 Stunden sind wenig Zeit. In vier Tagen will Boll den Kurs durchziehen, am Freitag folgt die Prüfung.



Selbstjustiz und Legalität


Also legt er gleich los. Boll gibt den Teilnehmern zunächst den richtigen juristischen Terminus mit auf den Weg: „Nach dem BGB seid ihr Besitzdiener.“ Beauftragt vom Eigentümer eines Gebäudes, eines Grundstücks, eines Zugs – ist der Sicherheitsmitarbeiter mit all den Rechten ausgestattet, die sonst dem Eigentümer vorbehalten sind. Und das heißt? „Eigentlich könnt ihr euch fast alles erlauben, ihr müsst am Ende nur die richtige Ausrede haben“, sagt Boll und lacht kurz auf.


Immer wieder baut er diese Verweise ein, die man als zynisch auffassen kann oder als brutalen Pragmatismus. Einmal erläutert er den Sonderfall der Notwehr, den Notwehrexzess. In engen Grenzen kann dabei der Täter straffrei bleiben, aber die Beweisführung ist schwierig. „Wenn es so weit kommt“, sagt Boll, „dann ist es in der Praxis wohl besser, wenn euer Gegner gar nicht mehr wieder aufsteht.“ Das Prinzip: Wenn ich ein Eigentum bewache, dann bestimme ich auch die Regeln. Wer Stress macht, bekommt ein Problem mit mir. Alles Weitere klären wir vor der Tür.


Welche Folgen diese Neigung zur Selbstjustiz hat, zeigte sich zuletzt an der deutsch-österreichischen Grenze. Da wunderte sich die Landtagsabgeordnete Eva Gottstein von den Freien Wählern, als sie von einem Sicherheitsmann beim Versuch, mit der Bahn von Kufstein nach München zu kommen, nach ihrem Ausweis gefragt wurde. Als sie sich weigerte, wollte man sie nicht in den Zug lassen. Ausweise kontrollieren, dürfen die Sicherheitsleute das überhaupt? Dürfen sie nicht, stellte Landesinnenminister Joachim Herrmann wenig später klar. Und enthüllte dann doch, wie die staatliche Verwaltung bis zu diesem Zwischenfall wohl beide Augen zugedrückt hatte. Um den Flüchtlingsstrom zu stoppen, hatte die Bundespolizei im Herbst den Bahnbetreiber vor die Wahl gestellt: Entweder ihr sorgt dafür, dass in euren Zügen in Zukunft weniger Flüchtlinge ins Land kommen – oder wir halten die Züge so lange an der Grenze an, bis jeder Fahrgast von uns kontrolliert worden ist. Der Betreiber wählte die erste Option – um den Rest sollte sich der Sicherheitsdienst kümmern.


Der Fall zeigt eine typische Zwickmühle zwischen Auftrag und Legalität, in die sich Sicherheitsdienste gerne begeben. Auf der einen Seite stehen die Wünsche des Eigentümers, auf der anderen Seite der drohende Rechtsbruch, um diese durchzusetzen.



Der Staat schiebt die Verantwortung ab


Schon in der ersten Pause kommt einer der Teilnehmer zu Boll. Er gehört zu einer Gruppe türkischstämmiger Sicherheitsleute, die im hinteren Teil des Raumes Platz genommen haben und sich nur in ihrer Muttersprache unterhalten. „Wenn das in der Prüfung drankommt, kann jetzt gleich gehen“, sagt er in gebrochenem Deutsch zu Boll, „ich hab überhaupt nichts kapiert.“


So wie ihm geht es fast allen hier. Der Kursleiter rattert Normen und rechtliche Definitionen herunter, um das 300-seitige Lehrbuch in vier Tagen durchzuarbeiten, bleibt ihm auch kaum etwas anderes übrig. Das vom DIHK herausgegebene Buch selbst liest sich eher wie ein Gesetzeskommentar als wie ein Unterrichtsmaterial. 300 eng bedruckte Seiten, viele Paragrafen, keine Schaubilder, keine Praxisfälle.


Und so verfestigt sich schnell der Eindruck: Hier geht es nicht um die Interessen der Auszubildenden, sondern um die des Staates. Wenn jeder Sicherheitsmitarbeiter die Unterrichtung durchlaufen hat, können die staatlichen Aufseher zu Recht behaupten: Wir haben sie über ihre gesetzlichen Rechte und Pflichten aufgeklärt. Ob die Teilnehmer verstanden haben, was ihnen da erzählt wurde spielt keine Rolle mehr – die Verantwortung für Fehler tragen sie schließlich alleine.


Als Auslese fachlich und persönlich geeigneter Mitarbeiter dient diese Scheinausbildung ganz offensichtlich nicht, wie jüngst eine Untersuchung in Rheinland-Pfalz offenbarte. Dort wurde im Dezember aufgedeckt, dass drei Rechtsradikale als Sicherheitsmitarbeiter in einem Flüchtlingsheim gearbeitet hatten. Also überprüfte das Landeskriminalamt alle gut 1100 Sicherheitsmitarbeiter in den Unterkünften des Landes. Die Beamten fand zwar nur zwei weitere Rechtsradikale, mussten aber insgesamt 79 Mitarbeiter aufgrund diverser Vorstrafen sofort aus dem Dienst entfernen. Das heißt: Bei einer mehr oder weniger zufälligen Stichprobe entpuppten sich fast zehn Prozent aller Beschäftigten als Kriminelle.


Am zweiten Tag ist Boll beim Thema verbotene Waffen angekommen: Der Dozent unterscheidet da grundsätzlich zwischen denen, „die Peng machen“, und denen, „die Löcher machen“. Einhandmesser, als Taschenlampe getarnte Elektroschocker, Totschläger, Boll zählt auf, was alles nicht erlaubt ist. Ein paar Minuten dreht sich die Diskussion um „Katzenköpfe“, als Schlüsselanhänger in Katzenform getarnte Schlagringe. Zivko, ein gemächlicher Typ um die 40, der zum von Alkohol und Zigaretten gezeichneten Gesicht verblichene Tätowierungen und Jeansjacke trägt, erkundigt sich: „Und was ist mit Laserpointern?“ Boll weiß, wohin die Frage zielt. „Du meinst wahrscheinlich nicht die, mit denen ich hier durch Folien klicke!“ Zivko erklärt: „Nein, aber es gibt ja so Dinger, also, in Tschechien da haben die jetzt so blaue, die brennen dir aus 30 Zentimeter Entfernung ein Loch in die Hand.“



Ziemlich lukrativ


Immer wieder wird deutlich, dass einige der Teilnehmer nicht in erster Linie wissen wollen, welche Grenzen ihnen das Recht setzt – sondern wie man sie überschreiten kann, ohne dabei erwischt zu werden.


Das prägt auch den Dialog zum Thema Waffenbesitzkarte, das am dritten Tag auf dem Plan steht. Dozent Boll erläutert die Ausnahmen: „Für eine Schreckschusspistole braucht ihr keine Waffenkarte.“ Es folgt ein kurzer Dialog, an dem sich der halbe Kurs beteiligt: „Aber man kann doch auch mit einer Schreckschusspistole jemanden töten.“ Boll: „Na ja, vielleicht wenn du damit zuschlägst“. „Nein, auch wenn man sie aufs Trommelfell aufsetzt“. „Na, da kannst du auch gleich damit zuschlagen!“ „Oder wenn man sie aufbohrt, das geht auch.“


Ist das noch die theoretische Analyse, ein Lehrbuchfall? Oder werden hier eigene Erfahrungen wiedergegeben? Während des gesamten Kurses werfen die Antworten der Teilnehmer diese Fragen immer wieder auf – und bleiben im Raum stehen.


Tag 4, Unfallverhütung: Heiko, ein zappeliger Typ mit blutunterlaufenen Augen, schildert einen Vorfall. Er sei mal mit der Hand in eine Maschine geraten, weil die nicht richtig gesichert war, kurz danach auch noch sein Kollege, ein verworrener Vortrag. Aber die Quintessenz ist klar: „Ich klage bis heute, dass ich Geld bekomme, die stellen sich da total quer.“ Auch wenn es nicht wirklich zum Thema passt, fragt Boll nach: „Wer war denn da dein Arbeitgeber?“ Heiko: „Das war Vater Staat.“ „Wie meinst du das?“ „Na, die JVA halt.“


Das deutsche Strafrecht setzt auf Resozialisation, deshalb ist es angemessen, dass eine Vorstrafe keinen dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausschließt. Aber erstaunlich ist es doch, wie wenig Arbeitgeber und erst recht die Auftraggeber von Sicherheitsmitarbeitern über deren kriminelle Karrieren erfahren. Zwar können Arbeitgeber bei Neueinstellungen ein Führungszeugnis fordern, da steht aber deutlich weniger drin, als landläufig angenommen wird. Erststrafen von bis zu drei Monaten oder Geldstrafen unter 90 Tagessätzen werden gar nicht aufgenommen, Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr nach drei Jahren gelöscht. Mit Ausnahme bestimmter Sexualdelikte verschwinden auch alle höheren Strafen nach fünf Jahren aus dem polizeilichen Führungszeugnis.



Das Geschäft der Handelskammern


Kein Wunder also, dass der seriöse Teil des Gewerbes seit einiger Zeit Reformen fordert. „Jeder zukünftige Unternehmer sollte mindestens eine Ausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit haben“, formuliert Gregor Lehnert vom Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW). Vor allem aber erkennt er einen Strukturfehler in der Beaufsichtigung. „Mit Ausnahme von Österreich sind in allen 25 anderen EU-Länder die Innenministerien für das Sicherheitsgewerbe zuständig“, sagt Lehnert. Angesichts des Aufgabenfeldes der Unternehmen klingt das ziemlich einleuchtend – in Deutschland liegt die Verantwortung aber beim Wirtschaftsministerium. Das ist auch im Sinne der Industrie- und Handelskammern, die bundesweit für die Unterrichtungen zuständig sind. Und das ist derzeit ziemlich lukrativ. Pro Kurs bleibt bei den Kammern ein fünfstelliger Betrag hängen, in den meisten Städten sind die Kurse für den Rest des Jahres bereits ausgebucht.


Zumindest für die Teilnehmer in Bolls Kurs lohnt sich das Ganze ja auch. Denn Boll macht sein Versprechen wahr, ab Donnerstagmittag konzentriert er sich ganz auf die Prüfungsvorbereitung. Das letzte und laut Prüfungsordung größte Themengebiet „Umgang mit Menschen“, wird in einem Folienfilm abgehandelt. Boll: „Das geht auch ohne Fachwissen.“ Stattdessen nimmt er sich Zeit, die Fragen einzeln mit den Teilnehmern durchzugehen. Alle 20 Testfragen und Antworten, die am nächsten Tag drankommen, liest er tatsächlich Wort für Wort vor. Manche Antworten schreibt er gar an die Tafel an, weil die Teilnehmer sie nicht verstehen. Özkan, einem elegant gekleideten jungen Mann, ist auch das nicht genug. Mit seinem Handy zeichnet er Bolls Ausführungen auf. Als der es merkt, einigen sie sich darauf, die Aufzeichnung sofort zu löschen – nach der Prüfung. Und so kommt es, wie es kommen musste: Alle Teilnehmer bestehen den Test. Und die Bundesrepublik ist wieder um 21 Fachkräfte reicher.

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  • Das ist der Hammer!