Bewaffnete Bauarbeiter bewachen deutsche Kasernen

Thorsten Jungholt und Martin Lutz Bewerbungsgespräche, sagt Sandro Gerth, führe er gründlich bis penibel. Der Sachse leitet die Argus Sicherheitsservice GmbH, einen Mittelständler mit rund 300 Mitarbeitern in Chemnitz. Die Wachschutzbranche ist ein umkämpfter Markt, es gibt reichlich Konkurrenz. Deshalb sei die Zuverlässigkeit seiner Wachleute, so Gerth, "der wichtigste Baustein des Unternehmens".


Voriges Jahr stellten sich Werner und Andreas Meier* bei der Argus vor. Gerth war skeptisch, schließlich hatten die 61 und 45 Jahre alten Männer in ihrem Berufsleben vornehmlich auf dem Bau gearbeitet: als Schlosser, Schweißer, Maurer und zuletzt als Trockenbauer. Aber sie konnten auch Zeugnisse einer privaten Sicherheitsfirma vorweisen, mit Sitz im niedersächsischen Wölpinghausen.


Die klangen gut: Die Herren Meier hätten die ihnen "übertragenen Aufgaben stets zu unserer Zufriedenheit" erledigt, pünktlich, zuverlässig, ehrlich. Und sie hätten sogar in einem besonders sensiblen Sicherheitsbereich gearbeitet, dem Schutz von militärischen Anlagen der Bundeswehr (Link: Bundeswehr - News von DIE WELT) . Ein Jahr lang, vom 1. April 2012 an, zählte das Duo zum Wachschutzpersonal der Wettiner Kaserne im sächsischen Frankenberg. Ihren Dienst, so steht es in den Zeugnissen, führten sie bewaffnet aus, mit der Pistole P8.


Sogar Türsteher werden strenger geprüft


Nun stellen die einschlägigen Vorschriften für das Bewachungsgewerbe keine sonderlich hohen Anforderungen an Personen, die eine Kaserne schützen sollen. Während für "Bewachungen im Einlassbereich von Diskotheken" – also Türsteher – eine an der Industrie- und Handelskammer (IHK) (Link: DIHK - Deutscher Industrie- und Handelskammertag - News von DIE WELT) abgelegte Sachkundeprüfung verlangt wird, reicht für den Schutz von militärischen Einrichtungen eine Unterrichtung "über die für die Ausübung des Gewerbes notwendigen rechtlichen Vorschriften". Mit dem Teilnahmeschein kann der Wachmann am Gewerbeamt angemeldet werden.


Als Gerth seine Bewerber nach der IHK-Unterrichtung fragte, erhielt er die Antwort: "Haben wir nicht." Damit war ihm zweierlei klar. Erstens: Die Bundeswehr hatte ihre Kaserne in Frankenberg ein Jahr lang von zwei bewaffneten Bauarbeitern schützen lassen. Und zweitens: Die Konkurrenzfirma aus Wölpinghausen hatte sich einen Verstoß gegen die Gewerbeordnung zu Schulden kommen lassen.


Gerth informierte das Bundeswehrdienstleistungszentrum in Dresden, das den Wachauftrag vergeben hatte. Denn er vermutete ein Dumpingpreissystem hinter den fehlenden Bescheinigungen: "Offenbar sollten mit den nicht erfolgten Meldungen an das Gewerbeamt die Kosten für die Unterrichtung der Mitarbeiter eingespart werden".


Bewachung nach dem "Billigstprinzip"


Harald Olschok, Präsident des Bundesverbandes der Sicherheitswirtschaft, hält diese Vermutung für plausibel. 357 Liegenschaften der Truppe werden von privaten Sicherheitsfirmen bewacht, 209 Millionen Euro sind dafür im Haushalt 2014 veranschlagt, das ist nicht üppig. Deshalb schreibe die Bundeswehr die Bewachungen grundsätzlich nach dem "Billigstprinzip" aus, sagt Olschok.


Dadurch wachse "die Gefahr, dass bestimmte Vertragselemente wie das Unterrichtungsverfahren, die mit Kosten zu tun haben, umgangen werden." In einem Schreiben an das Verteidigungsministerium bat Olschok um einen Termin. "Sparen auf Kosten der Qualität muss endlich aufhören", diese Forderung will er an den Staatssekretär bringen.


Einen Termin wird er noch in diesem Monat bekommen. Fraglich ist nur, ob er Gehör findet. Denn das Haus von Ursula von der Leyen (Link: Ursula von der Leyen - Verteidigungsministerin - News von DIE WELT) (CDU) meint, dass es kein Problem gebe. Nachdem "Welt am Sonntag" und "Welt" im Februar und März über Munitions- und Waffendiebstähle (Link: Bundeswehr : GröÃter Munitionsdiebstahl seit 30 Jahren - Nachrichten Politik - Deutschland - DIE WELT) aus Kasernen berichtet hatten, wollte die Linken-Fraktion im Bundestag in einer Kleinen Anfrage wissen, ob die Straftaten etwas mit der Qualität des Wachpersonals zu tun haben könnten.


Firmen sollen "leistungsfähig und zuverlässig" sein


Die Antwort der Regierung lautet: Ob Wachpersonal nun militärisch oder gewerblich sei, entscheidend seien allein "Qualifikation, Ausbildungsstand und persönliche Integrität". Um bei einer Ausschreibung den Zuschlag zu erhalten, müsse eine Firma "leistungsfähig und zuverlässig" sein.


Sandro Gerth hält diese Auskunft für Satire. Im Januar 2013 bewarb sich seine Argus um die Bewachung der Erzgebirgskaserne in Marienberg. Den Zuschlag aber erhielt – der Konkurrent aus Wölpinghausen, der in Frankenberg bewaffnete Bauarbeiter eingesetzt hatte. Gerth klagte gegen die Entscheidung.


Doch die Bundeswehrvergabestelle schloss sich in dem Verfahren der Ansicht der beklagten Firma an, der Verstoß gegen die Gewerbeordnung sei ein versehentlicher "Irrtum" gewesen. Schaden sei auch nicht entstanden. Außerdem hätten die Herren Meier zwar keinen IHK-Schein, aber immerhin Wehrdienst geleistet. Das ist ist wahr: Werner Meier 1971, Andreas Meier 1988, beide bei der Nationalen Volksarmee der DDR (Link: DDR - Deutsche Demokratische Republik - News von DIE WELT) . Das reichte, um bei Schießübungen mit der P8 unter den Augen des Kasernenfeldwebels nicht weiter aufzufallen.


*Namen von der Redaktion geändert

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  • Wo ist denn der "Antwort-Button"?