Kliniken sind für Diebe ein leichtes Ziel

Die 75-jährige Josefine Kehl hatte der unbekannten Frau mit den schwarzen Haaren und blonden Strähnen vertraut. Zurzeit der Arztvisite war diese in das Zimmer der älteren Dame getreten und hatte erklärt: „Frau Kehl, Sie müssen zum Röntgen. Ich nehme Ihnen die Ringe ab.“ Den Schmuck sah die Rentnerin nie wieder. Der Vorfall, der sich 2012 im
Spital St. Gallen abgespielt hat, zeigt exemplarisch, wie leicht Kriminelle in Krankenhäusern zuschlagen können. In der Anonymität der Masse aus Patienten, Personal und Besuchern müssen Diebe kaum fürchten, entdeckt zu werden.


Auch für Krankenhäuser in der Region sind Diebstähle ein Thema. „Wir sind eine offene Einrichtung“, erklärt Martin Vitzithum vom Klinikum Fürth, der dort das Betriebs- und
Versorgungsmanagement leitet. Menschen würden kommen und gehen. Das ist für jede Einrichtung das Grundproblem. Wie viele Menschen sich in einem Krankenhaus bewegen, zeigt eine einfache Rechnung.


Im Klinikum Fürth gibt es 750 Betten. Wenn jeder Patient zwei Besucher in der Woche empfängt, sind auf den Stationen mehr als 2000 Menschen unterwegs – Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger nicht eingerechnet. 2005 behandelte das Klinikum rund 32.000 Patienten stationär.


Vor einigen Jahren hätten sich die Diebstähle gehäuft, sagt Martin Vitzithum. Damals wurden sogar verdeckte Ermittler eingesetzt, um dem Langfinger auf die Schliche zu kommen. Als der Serientäter gefasst war, war Ruhe. Jetzt gibt es nur noch „Einzelfälle“, sagt Vitzithum. Dass die Diebe nicht häufiger zuschlagen, liegt seiner
Meinung nach an der guten Zusammenarbeit mit der Polizei Fürth. Dort hat die Klinik einen festen Ansprechpartner, der Vitzithum anruft, wenn in anderen Kliniken Diebe vermehrt zuschlagen.


Sicherheitsdienst patrouilliert in der Klinik


2013 registrierte die Polizei Mittelfranken in den Krankenhäusern in Nürnberg, Fürth und Erlangen insgesamt 187 Diebstähle. Im Jahr zuvor waren es 218 gewesen. Bis Ende März dieses Jahres meldeten sich bereits 43 Bestohlene bei der Polizei.


Im Universitätsklinikum Erlangen waren Diebe 2013 durchschnittlich einmal im Monat erfolgreich. Klinikumssprecher Johannes Eissing betont zwar, dass Diebstähle „kein
Problem“ darstellen würden, er gibt aber zu, dass es hier „offene Flanken“ gebe. Um Patienten und Mitarbeiter zu schützen, setzt die Einrichtung auf Abschreckung. Ein privater Sicherheitsdienst schaut auf dem gesamten Gelände nach dem Rechten. Auch im Klinikum Nord und Süd in
Nürnberg patrouilliert ein Sicherheitsdienst – selbst nachts. Über ein mobiles Telefon kann das Personal jeder Station diesen Mitarbeiter informieren, wenn sich eine Person auffällig verhält.


Das Bayerische Landeskriminalamt empfiehlt Patienten, verdächtige Beobachtungen dem Krankenhauspersonal zu melden und persönliche Dinge nie unbeaufsichtigt im Zimmer zu lassen. Denn Telefonkarten und Geldbeutel sind schnell in den Hosentaschen der Kriminellen verschwunden.


In den Krankenhäusern der Nürnberger Land GmbH, zu denen die Kliniken in Lauf, Hersbruck und Altdorf zählen, sind auch schon größere Gegenstände verschwunden, wie Designerjacken und Bademäntel, erzählt Georg Ochs, Bereichsleiter Organisation und Verwaltung. Von größeren Diebstählen sei man aber verschont geblieben.


Im Kampf gegen die Langfinger haben sich die Kliniken mittlerweile gut vernetzt. Sollten sich die Diebstähle in einer Klinik häufen, werde man per Mail informiert, erklärt Georg Ochs. Dann wird eine Rundmail an das Personal geschickt, um sie für das Thema erneut zu sensibilisieren.


„Der sicherste Schutz ist, keine teuren Gegenstände mitzunehmen“, sagt Johannes Eissing vom Universitätsklinikum Erlangen. Diesen Rat muss eine ältere Dame in Nordrhein-Westfalen überhört haben. 2001 brachte die 90-Jährige ihre gesamten Ersparnisse mit in die Klinik: 143 000 Euro. Die hatte sie auf mehrere Umschläge verteilt und in die Handtasche gesteckt. Als das Personal das Geld entdeckte, wurde die Bank informiert, die einen Geldtransporter zum Klinikum sandte.


Wer im Erlanger Universitätsklinikum nicht ohne teure Uhr oder viel Geld auskommen will, kann diese bei der Verwaltung abgeben. Das Klinikum Fürth oder die Kliniken in Neustadt/Aisch und in Bad Windsheim schließen das Hab und Gut ihrer Patienten – wenn gewünscht – in einem zentralen Tresor ein.

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