• Der Anschlag in Manchester nach einem Konzert hat die Frage nach der Sicherheit von Events und Großveranstaltungen neu entfacht. Veranstalter, Betreiber und Sicherheitsbehörden sind gezwungen, ihre Sicherheitskonzepte immer wieder auf den Prüfstand zu stellen, zu überdenken und gegebenenfalls anzupassen.

    Hiervon sind nahezu alle Arten von Veranstaltungen mit Publikumsverkehr betroffen. Im Fokus stehen dabei die Fragen, wie sich Sicherheit ohne allzu große Einschränkung der persönlichen Freiheit realisieren lässt und welche Maßnahmen sich als sinnvoll erweisen. Der Terroralarm, der zu einem zeitweiligen Abbruch des diesjährigen „Rock am Ring“-Festivals geführt hatte, ging letzten Endes glimpflich aus und beruhte auf einer Panne beim Abgleich der Namen von Aufbauhelfern. Dennoch mussten zehntausende Menschen das Festivalgelände vorsorglich verlassen, die Polizei war bereits im Vorfeld mit einem Großaufgebot vor Ort. Nach den Ereignissen von Manchester waren die Sicherheitsmaßnahmen – durch strengere Einlasskontrollen und das Verbot der Taschen- und Rucksackmitnahme – verschärft worden. Solche Aktionen werden mittlerweile auch bei Großveranstaltungen durchgeführt, wofür man früher keinen Anlass gesehen hatte.

    So sind auf dem diesjährigen evangelischen Kirchentag in Berlin erstmals Taschenkontrollen durchgeführt worden. Ferner hat die Polizei stationäre wie mobile Barrieren in Form von Betonpollern und Polizeifahrzeugen eingesetzt und die Videoüberwachung ausgeweitet.

    Schnittstelle Sicherheitspersonal

    Bei allen Großveranstaltungen kommt entsprechendes Sicherheitspersonal zum Einsatz. Der Veranstalter hat dafür Sorge zu tragen, einen geeigneten Dienst auszuwählen, der die ihm obliegenden Aufgaben erfüllen kann. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass das Angebot an qualifiziertem Personal nicht immer die Nachfrage decken kann. Der Markt der Sicherheitsdienstleister ist nicht erst seit der Flüchtlingskrise angespannt und ist von Fluktuation, Mini- und Nebenjobs sowie Mindestlohn geprägt. Hinzu kommt eine Unschärfe seitens der Gesetzgebung, was die Definition der Aufgaben von Ordnungsdiensten angeht. „Ordnung“ und „Sicherheit“ werden häufig synonym verwendet, sind aber in der praktischen Ausgestaltung unterschiedlich zu behandeln.

    Es wird dabei nicht zwischen einem Veranstaltungsordnungsdienst (VOD) und Sicherheitsdienstleistungen (SDL) gesetzesseitig unterschieden. Der §34a GewO bildet bislang die Grundlage, gemäß dem alle im Bewachungsgewerbe tätigen Personen die erforderliche Sachkunde nachweisen müssen. Nur zielt diese vornehmlich auf den Personen- und Objektschutz ab, nicht aber auf Tätigkeiten, wie sie klassischerweise bei der Sicherung von Großveranstaltungen anfallen. Es fehlt hier an veranstaltungsspezifischen Qualifizierungsinhalten wie die Flächennutzung oder die Vermittlung psychologischer Kenntnisse im Umgang mit und in der Führung von größeren Menschenmengen.

    Der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) hat hierzu einen Arbeitskreis ins Leben gerufen, der Kriterien zur Abgrenzung des VOD zum Sicherheitsdienst bei Veranstaltungen erarbeitet. Ziel ist es, Standards für den VOD festzulegen und ein Schulungskonzept zu erarbeiten, das alternativ zu §34a GewO Mitarbeiter für den Veranstaltungsdienst qualifiziert und schult. Davon unberührt ist der Nachweis der Zuverlässigkeit der Bewerber zu sehen. Auch hier muss die gebotene Sorgfaltspflicht der einstellenden Unternehmen gewährleisten, dass keine Straftäter oder sonstige ungeeignete Personen, sofern einsehbare Daten vorliegen, über Sicherheitsdienste letztendlich in sensible Bereiche gelangen.

    Beispiel Fernsehgarten

    Wie wichtig qualifizierte Mitarbeiter von Sicherheitsdienstleistern sind, zeigt sich auch und insbesondere bei Veranstaltungen, die live im Fernsehen übertragen werden. Die Verantwortlichen für Sendungen mit Publikumsverkehr setzen dazu auf externe Dienstleister, die diese gemäß den geltenden Gesetzen und Vorschriften sichern. Der auf dem ZDF-Gelände im Mainz produzierte ZDFFernsehgarten ist hierbei keine Ausnahme. Er wird bereits seit 1986 von Mai bis September immer sonntags live ausgestrahlt. Bis zu 6.000 Zuschauer verfolgen die Sendung vor Ort, die eine Mischung aus Musik- und Showauftritten mit vorwiegend deutschen Künstlern sowie Alltagsthemen bietet. Die jüngeren Ereignisse, bei denen auch Fahrzeuge als Waffe genutzt worden sind, haben dabei auch Auswirkungen auf das Sicherheitskonzept einer solchen Produktion, wobei eine Vielzahl von Maßnahmen bereits seit langer Zeit besteht. Hier wurden aktuell Poller auf den Zufahrtsstraßen zum Fernsehgarten errichtet, um Anschläge wie auf dem Berliner Weihnachtsmarkt von vornherein auszuschließen.

    Die Besucher des Fernsehgartens selbst werden zweifach kontrolliert und durch den Securitas-Sicherheitsdienst überprüft: Das erste Mal bei der Ankunft an der Hauptpforte, bei der die Eintrittskarten vorgezeigt werden müssen. Gleichzeitig wird hier insbesondere bei den Fanbussen kontrolliert, inwieweit die Besucher beispielsweise alkoholisiert sind. „Im Extremfall kann der Besuch der Veranstaltung den Betroffenen untersagt werden“, so Wolfgang Merken, Sicherheitsverantwortlicher beim ZDF. Auch große Taschen oder Rucksäcke sind abzugeben. Die zweite Kontrolle findet beim Zutritt zum Studio-Freigelände des Fernsehgartens satt, das vollständig eingezäunt ist. Hier überprüfen Sicherheitsmitarbeiter intensiv kleinere Taschen und Behältnisse, um unerlaubte Gegenstände herauszufiltern, zu denen etwa auch Getränke gehören. Ebenso müssen sich die Besucher Handsonden-Kontrollen unterziehen. „Alle Maßnahmen unterliegen dem Gebot der Verhältnismäßigkeit, um die bestmögliche Sicherheit bei einem gleichzeitig reibungslosen Ablauf der Veranstaltungen zu gewährleisten“, erläutert Merken.

    Um möglichst eine hohe durchgängige Qualität des Sicherheitspersonals bei den Produktionen sicherzustellen, sollen Ausfälle beim Dienstleister durch gleich qualifiziertes Personal ersetzt werden. Die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes werden bei jeder Produktion, auch einer ständigen wie dem Fernsehgarten, in einer Sicherheitsbesprechung mit allen Mitarbeitern zusammen in die Abläufe der Sendung unterwiesen. Im Vorfeld werden bei Sendungen auch Aktivitäten auf in sozialen Netzwerken mit einbezogen, um dort möglicherweise erste Anzeichen für sicherheitsrelevante Risiken zu erkennen, etwa bei Drohungen gegenüber Moderatoren.

    Beim Fernsehgarten, aber auch bei anderen Produktionen, steht deren Schutz vor Übergriffen mit an erster Stelle. Live-Sendungen wie der Fernsehgarten können bewusst von Störern genutzt werden, um mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Um Übergriffe jeglicher Art schnell zu unterbinden, sitzt daher Sicherheitspersonal unauffällig mit im Publikum. Hierfür werden nach Möglichkeit immer dieselben Sicherheitsdienstmitarbeiter oder deren Vertreter eingesetzt, um auf eine größtmögliche Kontinuität in der Professionalität und Erfahrung zurückzugreifen.

    Ausbau der Überwachung?

    Die gestiegenen Risiken bei Großveranstaltungen haben allgemein auch die Frage nach einem Ausbau der Videoüberwachung neu entfacht. Im März hatte der Bundestag mit der Verabschiedung des Videoüberwachungsverbesserungsgesetzes den Betreibern von Sport-, Versammlungs- und Vergnügungsstätten oder Einkaufszentren die Möglichkeit an die Hand gegeben, mehr Kameras einzusetzen. Dabei sind auch Forderungen nach intelligenter Gesichtserkennungssoftware laut geworden, mit deren Hilfe mögliche Täter frühzeitig erkannt werden sollen.

    Die Polizei in Großbritannien hat mit solcher Technologie bereits einige Erfahrungen gesammelt, zuletzt beim Champions League Finale in Cardiff. Rund um das Stadion und den Bahnhof sind die Gesichter von den etwa 75.000 Fans mit einer Datenbank von rund 500.000 Gesichtern in Echtzeit abgeglichen worden. Das verwendete System wird von NEC entwickelt und bereitgestellt. In Berlin gibt es derzeit ein Pilotprojekt zur automatischen Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz. Hier sollen zunächst nur Freiwillige erfasst werden, um zu sehen, wie zuverlässig die Technologie unter realen Bedingungen funktioniert.

    Egal ob Stadtfest, Konzert oder sonstige Großveranstaltung: Die aktuelle Sicherheitslage zwingt die Verantwortlichen zu einer ständigen Analyse und gegebenenfalls Anpassung ihrer Sicherheitskonzepte. Der Ausbau der Videoüberwachung, eine intensivere Schulung des eingesetzten Personals oder Maßnahmen wie der Verkauf personalisierter Tickets können die Sicherheit der Besucher subjektiv wie objektiv zwar erhöhen, doch sind auch immer die möglichen Einschnitte in die persönliche Freiheit zu berücksichtigen. Bei allen Abwägungen gilt es, die Verhältnismäßigkeit zwischen dem angestrebten Schutz und dem damit verbundenen Aufwand und den Einschränkungen genau zu betrachten. Es gilt, ein optimales Sicherheitskonzept zu erstellen, das letztlich auch bei allen Beteiligten, inklusiver den Zuschauern oder Besuchern, Akzeptanz findet.

    Hendrick Lehmann



    DEFINITION VON VOD

    Veranstaltungsordnungsdienst führt durch, wer als Mitarbeiter eines Bewachungsunternehmens gemäß §34a der Gewerbeordnung eine der folgenden Tätigkeiten im Rahmen einer Veranstaltung ohne die Übertragung des Hausrechts durch den jeweiligen Veranstalter durchführt und dabei nicht selbstständig handelt, sondern engmaschig durch einen Supervisor/Bereichsleiter geführt wird und nicht einer Erlaubnis nach §34a Gewerbeordnung bedarf. Der „Schutz von Leben, Gesundheit oder Freiheit“ ist demnach bei Genehmigungsverfahren durch die Datenschutzbehörden besonders zu berücksichtigen. Umfasst sind die folgenden Tätigkeiten:
    • Kartenabriss und Platzanweisung
    • Ansprache zum Freihalten von Gängen in Stuhlreihen oder Mundlöchern (Durchgänge und Tore, die in oder aus dem Innenraum führen)
    • Kartenkontrolle an Zuschauer-Blöcken/ Bereichen
    • Kontrolle von Akkreditierungen (Zutrittsberechtigung ähnlich Ticket)
    • Steuerung von Menschenströmen durch Information
    • Zufahrtskontrolle auf Akkreditierung
    • Evakuierungshelfer
    • Mengenkontrolle der Bereiche
    • Bergen von hilfsbedürftigen Personen
    • Lenkung des ruhenden und fließenden Verkehrs auf dem Veranstaltungsgelände
    • Freihalten von Flucht- und Rettungswegen
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    Quellen

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