• Eine neue Studie belegt: Deutsche Unternehmen lagern immer mehr Jobs aus, um Löhne zu drücken. Aber es gibt auch gute Gründe für das sogenannte Outscourcing.
    Stell dir vor, du verdienst 15 Prozent weniger als deine Kollegin – obwohl ihr beide den gleichen Job macht und sogar im gleichen Unternehmen arbeitet. Falls du in der Logistik, bei einer Reinigungsfirma, in einem Sicherheitsdienst oder in der Gastronomie arbeitest, sind die Chancen besonders hoch, dass dir das passieren kann. Denn diese Branchen sind besonders davon betroffen, dass deutsche Firmen in den vergangenen Jahren eine stetig wachsende Zahl von Arbeitsplätzen ausgelagert haben.

    1.000 Mal haben Unternehmen ganze Abteilungen ausgelagert

    Der deutsche Arbeitsmarktforscher Johannes Schmieder von der Boston University und seine Kollegin Deborah Goldschmidt zeigen jetzt in einer neuen Studie, die soeben in der renommierten Fachzeitschrift „Quarterly Journal of Economics“ erschienen ist, wie stark das sogenannte Outsourcing in Deutschland über die Jahre zugenommen hat.

    Die beiden Forscher haben für ihre Studie Daten aus den Jahren 1975 bis 2009 ausgewertet. Sie konnten nachvollziehen, wie sich Löhne und Gehälter jedes einzelnen Beschäftigten entwickelt haben. Wechselte eine Gruppe von mindestens zehn Beschäftigten von einem Tag auf den nächsten geschlossen von einem Betrieb in einen anderen, legt das nahe: Hier wurden Jobs ausgelagert. An Subunternehmer oder andere Dienstleister. Auf rund 1.000 solcher Fälle, in denen Unternehmen auf einen Schlag ganze Abteilungen ausgelagert haben, stießen Goldschmidt und Schmieder im Untersuchungszeitraum 1975 bis 2009.



    Im Fokus ihrer Studie stehen die Branchen Logistik, Reinigung, Sicherheit und Gastronomie. Klassische Dienstleistungen mit oft geringer Qualifikation also, die in vielen großen Unternehmen gefragt sind. Hier hat sich die Zahl der Beschäftigten mit Werkverträgen oder vergleichbaren Beschäftigungsverhältnissen seit 1975 in etwa vervierfacht.

    Unter den Reinigungskräften ist ihr Anteil auf fast 40 Prozent gestiegen. Bei den Beschäftigten im Transportgewerbe (insbesondere Lkw-Fahrer) waren es Ende des vorigen Jahrzehnts rund ein Drittel, gefolgt von Angestellten privater Sicherheitsfirmen mit einem Branchenanteil von fast 30 Prozent. Auch in der Gastronomie, etwa bei Köchen und Küchenpersonal in Firmenkantinen, ist der Trend eindeutig, wenn auch mit zuletzt rund einem Fünftel auf niedrigerem Niveau.

    „Der günstigere Preis ist das zentrale Argument“

    Das Hauptmotiv der Stammunternehmen liegt auf der Hand: Sie wollen ihre Kosten senken. Mittels Outsourcing, das räumen selbst Kritiker ein, sind deutsche Firmen international wettbewerbsfähiger geworden. „Wieviel die Firmen wirklich sparen, können wir anhand unserer Daten aber nicht sagen“, so Schmieder. Schließlich verlieren ausgelagerte Angestellte auch Ansprüche, die sich nicht direkt an ihrem Gehalt bemessen – Betriebsrenten etwa.

    Auf Seiten der Dienstleistungsunternehmen sorgen der starke Wettbewerb und der vergleichsweise schwach ausgeprägte gewerkschaftliche Organisationsgrad dafür, dass die Löhne geringer ausfallen als im Stammbetrieb. Schmieder: „Wenn große Unternehmen Aufträge an ausgelagerte Betriebe vergeben, ist der günstigere Preis das zentrale Argument – und der geht bei externen Dienstleistern zum großen Teil auf die Löhne zurück.“

    Die Gewerkschaften dürften sich durch das Studienergebnis in ihrer Kritik bestätigt sehen. Outsourcing verschärfe die ohnehin großen Lohnunterschiede zwischen Industrie- und Dienstleistungssektor, sagt Gustav Horn von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Auch Studienautor Schmieder stellt fest: „Klar ist, dass es Verlierer des Outsourcings gibt, die nicht für ihre Verluste kompensiert worden sind.“

    Die positiven Aspekte des Outsourcing

    ​Trotzdem betont Schmieder: „Unsere Botschaft soll nicht sein, dass Outsourcing eine Katastrophe ist.“ Denn frühere Untersuchungen lieferten Hinweise darauf, dass es gesamtwirtschaftlich betrachtet positive Aspekte gebe – etwa mit Blick auf die Gesamtbeschäftigung und die Wirtschaftsleistung in Deutschland.

    Wie viele Fälle von Outsourcing rechtswidrig sein könnten, können die Autoren mit ihrer Studie nicht abschätzen. Die Daten lassen keine Rückschlüsse auf einzelne Firmen oder spezifische Fälle zu. Ob sich ihre Klage lohnt, ist für die Hausmeister in Stuttgart daher ungewiss. In erster Instanz bekam ihr früherer Arbeitgeber Recht.

    Der Autor: Stefan Reccius ist Politikwissenschaftler und macht gerade sein Volontariat an der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten.

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