• Viktor Hacker wacht seit den 90er­Jahren vor Clubs auf und nahe der Reeperbahn. Was ihm allnächtlich an bizarren Dingen widerfährt und warum er manch Nervigen doch ganz gern wiedersieht, hat er aufgeschrieben.
    Wir Türleute haben immer viel Zeit, die Gäste und ihr drolliges Tun zu beobachten. Und zuzuhören. Zumal der Gast an sich uns zumeist nicht wirklich wahrnimmt. Oder nur als eine Art Einrichtungsgegenstand. Wir sind neutral – man redet in unserer Nähe frei von der Leber weg.

    Wie beispielsweise das Pärchen unlängst bei uns im Vorraum. Das Überzeugungsgespräch ging schon 'ne Weile. Er rückt immer näher an sie heran, scheint aber nicht so wirklich messbare Fortschritte zu erzielen. Sie guckt verzweifelt. Ich mache einen Schritt in ihre Richtung, höre ihn reden: "... und dann musste ich den ganzen Tag Bananen kommissionieren und gleichzeitig Kunden am Telefon beraten ... aber ich kann das ja, nä, ich so links das Telefon und mit rechts dann die Kisten aufgeschnitten – immer so: zack, zack, zack!"

    Sie verzieht das Gesicht: "Vor zwei Stunden hat er mir erzählt, er sei Modelscout. Und jetzt quatscht der Typ die ganze Zeit von Bananen, ey!"

    "Tja, du brauchst dringend mehr Schnaps", bringe ich mich beratend ein, "dann fällt der Unterschied nicht mehr so krass ins Gewicht!"

    "Oder er könnte zur Abwechslung 'n paar Äpfel auspacken", meint mein Kollege von der anderen Seite. Sie rollt mit den Augen. Bananen-Joe, der Super-Kommissionär, quatscht weiter auf sie ein, kriecht ihr fast ins Ohr.

    Wozu sind Türsteher eigentlich da?

    Denken die Menschen an Türleute, denken sie an finstere Gestalten, die Leuten willkürlich den Eintritt verweigern, weil sie zu groß, zu klein, zu fett, zu dünn sind. Oder Leute rausschmeißen, weil sie nicht getanzt haben, zu viel getanzt haben, zu falsch getanzt haben. Sie denken an böse Typen, die brutal Gäste durch die Gegend zerren, nur weil die ihre Drinks nicht bezahlen wollten, an arrogante Bomberjackenträger, die nur einsilbig antworten. Wenn überhaupt. Die Leute nicht einmal angucken, wenn sie sie anschweigen.

    Dabei ist die Wahrheit eigentlich eine ganz andere. Der Türmann ist wie der Bassist in der Band: Man bemerkt ihn erst dann, wenn er nicht da ist.

    Es gibt Clubs, in denen es ständig Ärger und Randale gibt, in denen Gäste von Taschendieben bis aufs Hemd ausgeplündert werden, in denen die Besucher in allen Ecken und Gängen von Crackdealern bedrängt werden, in denen sie den seltsamen Trinkritualen der Junggesellenabschiedstruppen aus Uelzen, Buxtehude und Pinneberg zu- sehen müssen. Fragt man die Tresenleute oder DJs in solchen Clubs, warum sie denn keine Security einstellen, bekommt man häufig zu hören: "Oh, früher hatten wir hier ja Türleute, aber dann haben wir wieder damit aufgehört, weil, is ja nie was passiert."

    Es ist paradox: Erfüllt der Türmann gewissenhaft seine Aufgabe, läuft er dabei stets Gefahr, sich selbst abzuschaffen.

    Nein, gute, erfahrene Türleute arbeiten diskret. Sie machen ihren Job richtig gut, wenn die normalen Gäste, die sich freundlich benehmen und eine Bereicherung für die Party sind, von ihrem Tun überhaupt nichts mitbekommen. Es ist sogar eher so, dass unsere Haupttätigkeit in einer Art Rundum-Service mit inbegriffener Info-Terminal-Funktion besteht: Wir erläutern, wo es den nächsten Geldautomaten gibt, der nicht von bettelnden Krustenpunks oder freundlich grinsenden Taschenkrebsen belagert wird, klären über den besten Weg zurück ins Wohnviertel für studentische Langzeittouristen auf – "Nein, nein, zur Schanze gehst du am besten hier lang, da kannst du auf dem Weg noch ein bisschen nachtanken und dich auch problemlos überall wieder erleichtern ... oh, nach Eimsbüttel kommst du am schnellsten mit der U 2 – einfach bis Schlump mit der U 3 fahren, dann umsteigen ..."

    Der Typ "Ich kenn den Türmann!"

    Eines der typischen Phänomene des Kiezlebens, das auf überraschende Weise recht unangenehm werden kann, ist der "Ich kenn den Türmann"-Gast. Dieser besucht regelmäßig das wochenendliche Vergnügungsviertel. Hat hier und da am Tresen ein paar Namen aufgeschnappt, kickert viel mit anderen Gästen und hält die Gastro-Bediensteten stets mit kleinen Plaudereien von der Arbeit ab. Irgendwann fühlt er sich in den Bars, Kneipen, Clubs und Live-Locations fast wie zu Hause. Er ist hier quasi "unter Freunden". Und unter Freunden sieht man ja alles nicht so eng.

    So kommt es, wie es kommen muss: Eines Tages wird der Türmann vom Tresenchef zu Schichtbeginn zur Seite genommen und gebeten, sich zu seinem "besten Kumpel" zu äußern. Dem Kumpel, der es sich hier regelmäßig sonntagabends und häufiger auch unter der Woche mit etlichen Longdrinks gut gehen lässt. Wird ihm die Rechnung präsentiert, behauptet er stets, er sei der beste Freund vom Türmann, und da könne man doch gerne mal das eine oder andere Kaltgetränk unter den Tisch fallen lassen. Ist der Türmann ahnungslos hinsichtlich des "besten Freundes" – Wer soll das bitte sein? Wie sieht der aus? So 'n kleiner Dunkelhaariger mit Locken? Kenne ich nicht! –, ändert das leider nichts an der Tatsache, dass er schnellstens die Identität des Schmarotzers herausfinden sollte, will er nicht als Trottel dastehen. Und womöglich noch einen fremden "Deckel" bezahlen müssen.

    Mein denkwürdigstes Erlebnis mit einer Figur dieser Bauart geschah vor zwei, drei Jahren an einer Hamburger- Berg-Clubtür: Man bedrohte mich mit mir selbst. Ich hatte einem mir irgendwie verdächtig erscheinenden Gast den Zutritt verweigert. Musste ihn mehrfach mit immer deutlicheren – also weniger – Worten abweisen, bis er zum Schluss auf dem Gehweg sitzend verkündete: Das könne man mit ihm nicht machen, er "kenne den Türmann" und würde diesen nunmehr anrufen. Viktor. Einen bekannten Kiez-Türmann. Der käme dann her. Das gäbe richtig Ärger.

    "Ihr werdet schon sehen." Gesagt, getan: Nach kurzem Suchen zog er sein Handy hervor, wählte mit wütendem Blick eine Nummer, starrte mich unheilvoll an und – siehe da: mein Telefon klingelte. Ich hielt ihm das Display vor die Nase, fragte, ob dies seine Nummer sei und wo zum Teufel er meine herhätte. Nahm dem verblüfft Glotzenden das Telefon weg, löschte meine Nummer und sprach ein persönliches Hausverbot aus. Wegen Doofseins.

    Die Nummer hatte er übrigens von einem jugendlichen Sportkollegen aus meinem Lieblings-Fitnessstudio.

    Die Vermissten­-Meldung

    Jeder Türmann kennt das: Eine völlig fremde Person drängelt sich unvermittelt an einem vorbei aus dem Club, schaut hektisch die Straße hoch und runter, fummelt aufgelöst am Handy herum, um dann die 500-Euro-Frage zu stellen: "Ist meine Freundin hier in der letzten halben Stunde rausgegangen?"

    Würde ich als Türmann jetzt nachfragen, wie sie denn aussehe, bekäme ich wahrscheinlich eine Beschreibung ähnlich dieser: "Na, meine Freundin. So mittelgroß, dunkelblonde Haare, braune Handtasche ..." Sollte ich versehentlich anmerken, dass in der letzten halben Stunde – es ist gerade halb drei durch und damit Nachtclub-Hauptverkehrszeit – in etwa 200 Personen mittlerer Größe mit dunkelblondem Haar und braunen Handtaschen an mir vorbei hinein oder hinaus gegangen seien käme garantiert eine empörte Entgegnung: "Ja nee, du wirst dich doch wohl an meine Freundin erinnern! Du hast ihre Handtasche abgetastet und verlangt, dass sie ihre Wasserflasche draußen lassen soll. Das musst du doch noch wissen, das ist gerade mal drei Stunden her!"

    Eine Diskussion, die schnell anstrengend werden kann. Als findiger Türmann habe ich daher selbstverständlich eine bessere Lösung parat: Die Vermissten-Meldung: ein heiteres Suchspiel.

    Hierbei beantworte ich die eingangs gestellte Frage nach dem Verbleib der Freundin sofort mit einer greifbaren Aufenthaltsinformation: "Ja, na klar habe ich deine Freundin gesehen! Sie ist vor 'ner Viertelstunde hier raus und den Hamburger Berg links hoch. Zum Club ganz am Ende der Straße. Falls du fragst, soll ich dir Bescheid sagen, dass du bitte nachkommen sollst." Der dankbare Mann wird sogleich glücklich losziehen.

    Steht kurz darauf dann eine etwa mittelgroße, dunkelblonde Frau vor dir, die besorgt in ihrer braunen Handtasche herumwühlt und dich fragt, ob du ihren Freund gesehen hast, bekommst du die Gelegenheit, etwas wirklich Wertvolles für deine Mitmenschen zu tun: die Schaffung eines belebenden Dramas für den Abend.

    "Na klar habe ich deinen Freund gesehen! Der ist hier eben raus und rechts den Hamburger Berg hoch. Zum vorletzten Club am oberen Ende der Straße. Ich soll dir ausrichten, dass du bitte nachkommen sollst."

    Trifft anschließend der Freund wieder bei dir ein, schickst du ihn in den Club gegenüber auf der anderen Straßenseite: "Du, eine Freundin deiner Freundin war gerade hier. Meinte, ich solle dir ausrichten, sie seien zusammen weiter in den Club da auf der anderen Straßenseite gezogen ... Ah, da drüben sitzt sie ja. Am Fenster. Ja, genau: die ,Sahneschnitte' mit der imposanten roten Haarpracht. Deine Freundin sehe ich leider nicht – war eben noch da. Hm, wohl auf der Toilette. Geh doch einfach rüber, sie taucht bestimmt gleich wieder auf."

    Zwei Minuten später steht die mittlerweile leicht genervte Freundin erneut an deiner Tür. Hat ihren Freund nicht in dem vorletzten Club am oberen Ende der Straße gefunden.

    "Na, das konntest du ja auch nicht. Der war inzwischen wieder hier. Hat auf dem Weg eine Ex-Freundin getroffen. Die beiden sind jetzt da drüben auf der anderen Straßenseite. Ja, genau, in dem Club mit dem großen Fenster. Schau, da ist er ja – redet gerade mit seiner Ex-Flamme. Genau: die hübsche Rothaarige ... gern geschehen. Viel Spaß. Schönen Abend noch!"

    Aus so etwas konstruieren Drehbuch-Autoren ganze Soap-Serienfolgen. Wir Türleute hingegen peppen damit lediglich das langweilige Gästeleben am Wochenende ein klein wenig auf ...

    Das Hausverbot – Ursache und Wirkung

    "Wieso darf ich denn hier immer noch nicht wieder rein? Sei doch nicht so! Ich kann mich auch gar nicht erinnern, irgendwas falsch gemacht zu haben. Bist du wirklich sicher, dass ich das war?"

    Er findet sich jedes Wochenende wieder an der Tür ein: der Hausverbotsgast. Möchte über die Gründe für seinen Rauswurf diskutieren. Kann sich nicht erinnern. Muss ein Irrtum sein. Er würde sich doch niemals schlecht benehmen. Er könne schließlich einen vernünftigen Beruf vorweisen oder einen gesellschaftlich voll anerkannten Studiengang. Er sei ja kein Assi. "Vor den Tresen gepinkelt ...", "Mit heruntergelassener Hose auf der Frauentoilette sein bestes Teil geschwenkt ...", "Zum Nachschenken des Cocktails hinter den Tresen gelangt ...", "Kokain auf dem Kickertisch konsumiert? Unsinn! Niemals! Also, höchstens ein einziges Mal, meine Güte ...", "Soll versucht haben, den Ausschnitt der Barfrau mit geworfenen Zehn- Cent-Stücken zu treffen?" – nein, nein: Da muss es sich auf jeden Fall um eine Verwechslung handeln. Und der um sich schlagende, vor Trunkenheit eingenässte Typ, den man ihm auf den Videoaufnahmen gezeigt hat – der, der von drei Securities aus dem Club hinausgetragen werden musste –, das ist zweifelsfrei ein verblüffend ähnlicher Doppelgänger!

    Nun, das Aussprechen eines Hausverbots hat Konsequenzen. Von den offensichtlichen für den Gast einmal abgesehen, vor allem auch für den Türmann. Diesem ist nur zu bewusst, dass er sich damit für die nächste Zeit einen wiederkehrenden Gesprächspartner im Eingangsbereich geschaffen hat. Der Hinausgeworfene möchte Absolution erlangen. Er kehrt stets an den Ort des Geschehens zurück. Man soll ihn von diesen unhaltbaren Vorwürfen erlösen. Oft geht es gar nicht wirklich um den wieder erlaubten Zugang zum Club, sondern um die persönliche Würde, den Freispruch von diesen Ungeheuerlichkeiten.

    Der sich aufbauende, enorme emotionale Druck erzeugt ein Dilemma: Verweigert sich der Türmann standhaft, wird er von den übrigen Gästen als "hartleibiges Türnazi-Arschloch" wahrgenommen. Gibt er hingegen um des lieben Friedens Willen nach, verliert er seine Glaubwürdigkeit. Zumal er weiß: Dieser Gast wird sicher mit steigendem Alkoholpegel in alte Verhaltensmuster zurückfallen und dieselbe üble Show noch einmal abziehen.

    Was soll der Sicherheitsbeauftragte am Eingang also tun? Es gibt Möglichkeiten des zeitlich begrenzten Hausverbots: "Pass mal auf, ich möchte dich an diesem Wochenende hier nicht mehr sehen. Du kannst gern nächste Woche wiederkommen, aber für heute und morgen ist echt mal Schluss!" So erhält der Gast die Möglichkeit, sein Gesicht zu wahren – er hat schließlich mit dem Herausdiskutieren einer milderen Strafe einen Vorteil für sich erhandelt. So kann er erhobenen Hauptes zum nächsten Etablissement nebenan wechseln, und der Türmann hat zumindest für diesen Abend eine nervenschonende Schicht vor sich.

    Es gab da allerdings einmal einen speziellen Fall: Ich arbeitete zu der Zeit für vier verschiedene Läden. Der erste Türdienst war an einem Mittwochabend bei einem Konzert. Ein Gast benahm sich mehrfach daneben, erhielt nach zwei Verwarnungen ein persönliches Hausverbot – und scheiterte im Anschluss bis zum Sonntagmorgen feiertechnisch an drei weiteren Türen, an denen ich Dienst schob. Dumm gelaufen. Ob er etwas daraus gelernt hat? Keine Ahnung, meine Türkollegen in den benachbarten Etablissements bekamen die Nummer natürlich mit, ließen ihn anschließend auch nirgendwo mehr hinein, und er feiert seitdem wohl außerhalb des Kiezes.

    Und da ist ja schon wieder der Kerl vom Anfang: "Hey, ich verstehe ja, dass ihr mich gerade wieder des Lokals verwiesen habt. Finde auch das Hausverbot total gerechtfertigt – so benimmt man sich einfach nicht... sehe ich absolut ein ... würde ich auch so machen, wenn das mein Laden wäre ... ok, aber jetzt kann ich doch wieder rein, oder?"

    Die Kunst des gelassenen Türdialogs

    "Hallo Mädels, bleibt ihr bitte mal stehen? Ich möchte gerne wissen, ob ihr schon über 18 seid. Habt ihr mal einen Ausweis für mich? Nein, der Schülerausweis ist leider kein amtlich gültiges Dokument. Perso oder Führerschein. Tja, kein Ausweis, kein Eintritt. Tut mir leid. Ja, ich weiß, ich bin voll der gemeine Türnazi, weil ich euch nicht glaube, dass ihr schon volljährig seid. So, macht ihr bitte mal einen Schritt zur Seite, damit die anderen Gäste hineinkönnen? Deine Tasche einmal bitte. Brauchst du nicht aufzumachen, ich will sie bloß abtasten. Ja, ich weiß, du hast keine Waffen und Drogen dabei – aber die Flasche da drin musst du bitte draußen lassen. Kannst sie hier an die Seite stellen. Na ja, du musst das nicht tun. Aber dann darfst du auch nicht in den Club hinein ..."

    Dies sind zwei der Kerndiskussionen, die jeder Türmann jedes Wochenende an seiner Clubtür führt. Sie wiederholen sich im Laufe des Abends in einer zähen, endlosen Schleife.

    "Mädels, das Thema hatten wir doch gerade vor 20 Minuten. Ihr dürft noch nicht in den Club, ihr seid noch nicht alt genug. Was? Ihr habt eure Ausweise doch noch gefunden? Zeigt mal her ... hm, ihr heißt also Kevin und Dustin, seid 1,90 und 1,88 Meter groß. Nun, wenn ihr just einer spontanen Geschlechtsumwandlung zum Opfer gefallen seid, bleibt da immer noch das Problem, dass ich zu euch herabschaue, während wir hier reden. Und ich bin knapp 1,80 Meter. Merkt ihr selber, dass hier was nicht stimmen kann, oder? Zudem: Kevin und Dustin, deren Ausweise ihr euch ausgeliehen habt und die da hinten beim Verkehrsschild auf euch warten, sind ebenfalls erst 17. Leute, bitte, zeigt mal Einsicht und hört auf, zu nerven."

    Für die minderjährigen Mädels ist es natürlich eine Art wochenendlicher Sport, am Türmann vorbei in den Club ihrer Träume zu gelangen. Sie sehen nicht die Konsequenzen, die ihr verbotener Aufenthalt in der Lokalität zur Folge haben kann: Verlust des Arbeitsplatzes der Security (wenn der Inhaber es mitbekommt), Verlust sämtlicher Arbeitsplätze in dem gastronomischen Betrieb (wenn es das Ordnungsamt mitbekommt und die Konzession entzieht). Dabei wollen wir den Teenies nicht einmal mehr als die altersübliche Boshaftigkeit unterstellen. Vielmehr ist es der unbedingte hedonistische Wille des glamoursüchtigen Nachwuchses, am geheimnisvollen Clubgeschehen in der so coolen Erwachsenenwelt teilzunehmen, der zur erblindenden Ignoranz betreffs der Folgen führt.

    "Mädels, auch wenn ihr eure Jacken untereinander getauscht habt und mir überdies den Schülerausweis der jeweils anderen Person vor die Nase haltet, kommt ihr immer noch nicht hinein – und hört jetzt bitte unbedingt damit auf, es zu versuchen. Sonst sehe ich mich gezwungen, ein in der Zukunft geltendes, prophylaktisches Hausverbot auszusprechen. Seid vernünftig, geht nach Hause!"

    Dem Türmann obliegt es hier, gelassen zu bleiben. Sich quasi in Tür-Zen zu üben. Jedwede Erzürnung verpufft sowieso im Nichts, im weißen Rauschen des blasierten, egomanen Teenager-Gehirns. Was der Security hier helfen kann, die Contenance zu bewahren, ist das Wissen um die sogenannte Spätfolgen-Rache. Irgendwann – ein, zwei Jahre später – werden die Teenies vor dem Eingang auftauchen, triumphierend ihre Ausweise schwenken, die nachweisen, dass sie gestern ihren 18. Geburtstag begingen, und stolz verkünden, dass er sie nunmehr hineinlassen müsse!

    Der Türmann kann dann milde lächelnd entgegnen: "Nö. Muss ich nicht."

    Der Typ "gelegentlicher Kiezgänger"

    Eine ganz besondere Gästeart, die einem so richtig den Abend an der Tür versüßen kann, ist der gelegentliche Kiezgänger. Dieser Typus ist ganz allgemein mit Lebenspartner, eineinhalb Kindern, Hund und Katze zufrieden in seinem Reihenhaus-Eigenheim am Stadtrand "gesettled". Er geht nur noch

    selten raus. Kennt "die Meile" noch von früher. Aus WG-Zeiten. Er braucht das nicht mehr. Dieses wilde Feiern. Die hemmungslose Party. Er hat jetzt Familie. Und Hobbys. Und Verantwortung. Das füllt ihn aus. Rundum zufrieden ist er. Wird der Druck allerdings zu groß, trifft er sich mit gleichaltrigen Freunden und setzt sich in die Vorortbahn Richtung Kiez, um "einen draufzumachen"!

    Dort angekommen, benötigt er etwas Zeit zur Orientierung – alle fünf Jahre verändert sich der Kiez automatisch; Läden wechseln die Besitzer, Gebäude werden abgerissen und neu errichtet, Clubs erhalten neue Namen.

    Ey du, ja du, Türsteher: Das war hier doch mal früher das Camelot, oder? Ja, genau, da war ich ganz oft, da war ich Stammgast, da kannte ich den Besitzer. Ja, nee, da verstehst du nichts von, das war vor deiner Zeit. Ha ha: Da gehen meine Drinks gleich doch aufs Haus, ey, so viel wie ich früher hier gesoffen habe! Was meinst du denn mit "Fremdgetränk draußen lassen"? Das Bier hier in meiner Jackentasche habe ich doch bei euch gekauft, ha ha ha. Man, nun stell dich doch nicht so an. Ich nehme mir hier mal einen von deinen Bechern und fülle es um, wenn dich das glücklich macht. Ha ha ha, ist doch egal, ob ich das woanders gekauft habe – ihr hängt doch sowieso alle zusammen, das weiß ich doch ganz genau, bin doch ein alter Hase hier auf dem Kiez! Ja, ist ja gut, du bist aber auch humorlos, ey. Ja, ja: Ich stelle es hier an die Seite. So. Ich soll dir nicht auf die Schulter klopfen? Das sei übergriffig? Du willst nicht angefasst werden, weil wir uns gar nicht kennen? Pass mal auf, ich komme gleich wieder raus, Junge, und sage dir mal ein paar Takte zu deinem Job. Den muss dir wirklich mal jemand erklären. Da muss dir wirklich mal jemand erläutern, worum es beim Türstehen eigentlich geht. Und dass der Gast noch immer König ist, nä. Mann, Mann, Mann. Servicewüste Deutschland.

    Ab hier wird es jetzt quasi fiktiv. Denn kein Türmann, der auch nur ein kleines bisschen Selbstachtung übrig hat, lässt so eine Pfeife anschließend noch in den Laden hinein. Zumal der baldige Rauswurf sowieso programmiert ist. Der Entschluss, dieser Figur in dem Moment die Rote Karte zu zeigen, wenn das Fremdgetränk ins Spiel kommt oder spätestens dann, wenn das Schultergeklopfe losgeht, ist die einzig richtige Option, soll der Abend weiterhin friedlich verlaufen. Das weiß ich. Aus bitterer Erfahrung.

    Aber nun: Sollte der Vogel in den Laden hineinkommen, wird er sogleich dem DJ zwingend eine andere Musikrichtung vorschlagen und dabei auf seine Kenntnisse – "Junge, glaub mir, ich weiß, was die Leute hören wollen" – von vor zehn, 15 Jahren verweisen. Er wird sich darüber mokieren, dass der DJ nicht "Junge" genannt werden will und beratungsresistent ist. Anschließend wird er am Tresen irgendwas bestellen, das nicht auf der Karte steht und das eigentlich seit rund zehn Jahren auch garantiert niemand mehr getrunken hat. Zum Beispiel "Luden- Brause": Korn-Apfelsaft als Longdrink. Er wird mehrfach ermahnt werden, weil er die Lockerheit der heutigen Jugend so super findet und deswegen an- dauernd irgendwelche 20-jährigen Mädels zu einem Drink einzuladen versucht und dabei grapschend und lachend einen recht unwürdigen Sugar- Daddy abgibt.

    Er wird der Barkeeperin sagen, dass sie sich mal lockermachen soll, er würde den Drink ja später bezahlen und vielleicht sogar zehn Cent Trinkgeld drauflegen. Außerdem hätte er hier früher immer einen Deckel gehabt, und eigentlich müsste er sowieso eingeladen werden angesichts der Riesensummen, die dank ihm hier schon über den Tresen gegangen seien. Damals. Dann wird er sich eine anstecken und die Tresenfrau auslachen und "Mäuschen" nennen, wenn diese ihn auf das Rauchverbot hinweist. Er wird sich glucksend abwenden, noch einen tiefen Zug von seiner Zigarette nehmen, lauthals armschwenkend einen Song mitsingen, den er wiederzuerkennen glaubt, und vor Verblüffung aus allen Wolken fallen, wenn ihn der herbeigerufene Türmann schließlich vor die Tür setzt.

    Andererseits habe ich den sogenannten gelegentlichen Kiezgänger letztlich ganz gern – ist er doch abseits seines unleugbaren Nerverei-Talents auch ein jobsicherndes Element für den Türmann und nicht zuletzt ein wunderbarer Quell der Komik.

    Wieso versteht mich eigentlich keiner?

    Der Türmann führt während des wochenendlichen Partygeschehens ungezählte Dialoge mit verhaltensoriginellen, feierwilligen Gästen. Und kommt dabei nicht selten an die Grenzen menschlicher Selbstbeherrschung – vor allem, weil er sich dabei immer wieder fragt: "Wieso versteht mich eigentlich keiner?"

    Beispiel "Fremdgetränk" – oder politisch korrekt: Getränk mit Migrationshintergrund. Also jede Flüssigkeit, die zum Verzehr ohne gesundheitliche Beeinträchtigung geeignet ist, woanders gekauft wurde und sich außerhalb des Gästekörpers in einem Behältnis befindet. Völlig überraschend darf diese niemals und nirgendwo in einen Club mit hineingenommen werden.

    Nun, man könnte vermuten, dass ein einfacher Hinweis auf die illegale Natur des mitgebrachten Drinks genügen müsste, um hier Abhilfe zu schaffen. Jedoch: Der Kiezgast an sich neigt zur Beratungsresistenz. Deshalb versucht man es als Türmann gern mit einem Gleichnis. Um beim Gast ein Verständnis für die Situation zu schaffen.

    "Dein Getränk musst du aber draußen lassen."

    "Wieso?"

    "Na, du nimmst doch sicher nicht dein eigenes Essen mit ins Restaurant, oder?"

    "Warum? Ich kauf hier doch gleich 'n neues Bier!"

    "Du bringst also deine eigenen Spaghetti mit zum Lieblingsitaliener, sagst ihm dann aber, dass du trotzdem auf seine Soße zurückgreifen wirst, oder was?"

    "Hä? Was für ein Italiener? Und ich hab doch gar keine Nudeln!"

    "Das war ein Gleichnis! Ich habe beabsichtigt, dich mit einem humorvollen Vergleich auf den richtigen Weg zu bringen ..."

    "Was für 'n Weg? Ich bin doch schon hier. Aber, sach mal, ihr habt jetzt auch was zu Essen? Dann hätte ich gern eine Pizza."

    "Lass einfach dein Fremdgetränk draußen!"

    "Mit Salami, Zwiebeln und Pilzen wäre super."

    "Willst du oder kannst du mich nicht verstehen?"

    Und da kommt dann auch schon der nächste Intensiv-Patient:

    "Öffnest du bitte mal deinen Ruck- sack?"

    "Klar, hier: Sind Waffen und Drogen drin, hihihi ..."

    "Fremdgetränke dabei?"

    "Hihihi, nein."

    "Is ok, kannst rein."

    "Haha, letzte Woche bin ich ja hier

    rausgeflogen, weil ich ne Glasflasche in der Hose hatte ..."

    "Und? Dieses Mal auch?"

    "Nee, nee – ich hab's ja verstanden. Nee, die ist aus Plastik!"

    Wissenschaft vom Glasflaschenverbot

    Neulich bat ich eine Frau, die den Club verlassen wollte, ihr Bier umzufüllen.

    Sie: "Darf ich das Bier nicht mit rausnehmen?"

    Ich: "Nein, du darfst das Bier nicht mit rausnehmen, du kannst es aber in einen Becher umfüllen."

    Sie stellt das Bier auf die Ablage und schickt sich an, rauszugehen.

    Ich: "Füll es doch in einen Becher um."

    Sie füllt das Bier in einen Becher um, deponiert die leere Flasche in einer Leergutkiste, stellt den gefüllten Becher auf die Ablage und verlässt mit leeren Händen und nachdenklich verrunzelter Stirn die Lokalität.

    Dialog im Morgengrauen

    Beteiligte Personen: ein männlicher Gast, ein weiblicher Gast, ein zuhörender Türmann.

    Er: "Kommst du noch mit?" Sie: "Wohin?"

    Er: "Na, zu mir!"

    Sie: "Nö, wieso?"

    Er: "Aber, ich habe alle deine Drinks hier heute Abend bezahlt!"!

    Sie: "Ja, das fand ich auch nett!"

    Sie dreht sich um und stellt ihr leeres Glas auf den Tresen, bevor sie sich anderen Gästen zuwendet. Der männliche Gast schmollt noch ein wenig, bevor er beleidigt einen zügigen Abgang Bühne links hinlegt. Der Türmann schaut angestrengt unbeteiligt.

    Es bleibt schwierig.

    Viktor Hackers Erlebnisse sind noch ausführlicher nachzulesen im St. Pauli­-Blog des Abendblatts

Kommentare 3

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    Fump -

    Jetzt komplett

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    Fump -

    hm.... vorhin kam ich auf den ganzen Artikel, jetzt mit einer Beschränkung. Hätte ich das gesehen, hätte ich ihn nicht verlinkt.

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    Siegfried -

    Sicher eine interessante Lektüre, mal schauen was das kostet.