• Eine Woche Ausbildung reicht. Dass private Sicherheitsdienste für Gewaltexzesse verantwortlich sind, kann nicht wundern. Eine atemberaubende Nachlässigkeit hat den Wildwuchs der Branche ermöglicht.
    Auf seinen Unterarm hat er sich eine Nazi-Parole tätowieren lassen. "Ruhm und Ehre" steht da in altdeutscher Schrift. Von sich selbst berichtet der 30-Jährige, er habe kein leichtes Leben gehabt, sei von Sonderschule zu Sonderschule geschoben worden und habe sich mit Türsteher-Jobs durchgekämpft. Er ist einer von elf Mitarbeitern privater Sicherheitsfirmen, gegen die nun ermittelt wird – weil sie Flüchtlinge in drei Asylbewerberheimen in NRW misshandelt haben sollen. In anderen Fällen waren die mutmaßlichen Täter wegen Körperverletzungen bereits vorbestraft.

    Wie konnte das passieren? Wie konnten vorbestrafte Gewalttäter mit zumindest zeitweiligem Nazifaible angeheuert werden, um ausgerechnet unter Flüchtlingen Ordnung und Sicherheit zu schaffen? Dass es dazu kam, ist wesentlich die Schuld der deutschen, vor allem nordrhein-westfälischen Politik. So mahnen nun Kenner der Sicherheitsbranche wie der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) und die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Ihnen zufolge hätten alle politischen Ebenen über Jahre ignoriert, dass viel zu viele Sicherheitsanbieter schlecht qualifiziert, motiviert und entlohnt sind. Die Gewaltexzesse seien daher nicht überraschend gekommen.

    Es sei nun mal ein Vabanque-Spiel, eine zum Teil miserabel qualifizierte, kontrollierte und bezahlte Branche mit immer mehr und wichtigeren Aufgaben zu betreuen. Doch Bund, Land, Regierungsbezirk und Kommune schlugen derlei Warnungen stets in den Wind. Und förderten damit ein Milieu und Reservoir von – wenn man so will – billigen Sicherheitsknechten.

    30 Stunden Ausbildung sollen ausreichend sein

    Beispielsweise bei der Ausbildung der privaten Dienstleister. Von den bundesweit rund 185.000 Mitarbeitern haben nur rund 10.000 eine mindestens zweijährige Ausbildung, in NRW sind es rund 2000 von fast 40.000. Die große Mehrheit hat 30 Stunden Unterricht bei der IHK genossen, bevor sie für Sicherheit und Ordnung sorgt – auch in überfüllten Asylantenheimen, unter angespannten Menschen, deren Sprache sie nicht sprechen, deren Mentalität sie nicht kennen und um deren Traumata sie nicht wissen.

    Auch wer ein Sicherheitsunternehmen gründen möchte, muss gerade mal 80 Stunden IHK-Unterricht besuchen, dann darf er sein Personal losschicken: in überfüllte Asylcontainer, zu Popkonzerten mit Tausenden aufgewühlten Fans, in die Hochhäuser von Problemvierteln, wo die Security als Hausmeister, de facto aber auch als Streitschlichter fungiert, an Bus- und Bahnsteige, an Flughäfen, vor militärische Anlagen, in den Einzelhandel oder zum Werkschutz. "Um einen Friseursalon zu eröffnen, muss man über Jahre lernen, aber für ein Sicherheitsunternehmen reichen 80 Stündchen – da darf man sich über Qualitätseinbrüche nicht wundern", so resümiert BDSW-Sprecherin Silke Wollmann.

    Qualitätsfeindlich ist aber auch das Lohnniveau der Branche. Der Großteil der Mitarbeiter erhält in NRW offiziell den Mindestlohn, der bei neun Euro liegt. Zu dem Preis aber lässt sich eine gute Ausbildung kaum finanzieren, so bemängeln Arbeitgeber und Arbeitnehmer unisono. Psychologische Schulung, differenziertes Deeskalationstraining oder gar Fremdsprachenkenntnisse könne man da nicht erwarten. Und das werde sich nicht ändern, solange Staat und Unternehmen nicht verpflichtet seien, Sicherheitsfirmen nach Qualität statt allein nach Preis auszusuchen, prophezeit Ver.di-Expertin Andrea Becker.

    Sicherheitsfirmen unterlaufen Mindestlohnregelungen

    Doch selbst der in NRW geltende Mindestlohn wird in vielen Fällen noch deutlich unterlaufen. Laut BDSW bei 20 Prozent, laut Ver.di bei bis zu 40 Prozent der Firmen könne man nicht ausschließen, dass sie systematisch Ungelernte für vier bis fünf Euro anheuerten. Tatsächlich werden gelegentlich Fälle bekannt, in denen Unternehmen mal Dutzende, mal Hunderte Sicherheitskräfte für knapp fünf Euro anstellten.

    Zudem ist es in vielen Firmen eher Regel als Ausnahme, dass Mitarbeiter keine fest vereinbarte Arbeitszeit und damit kein fixes Gehalt haben, sondern nach geleisteten Stunden bezahlt werden. Wenn aber der Vorgesetzte frei darüber entscheidet, wie viel sein Mitarbeiter verdient, begünstigt das laut Ver.di eine Atmosphäre, "in der Missstände unter den Tisch gekehrt werden und Verantwortungsgefühl abnimmt".

    Komplettiert wurde dieser Wildwuchs durch eine atemberaubende Nachlässigkeit von Bund und Land bei der Überprüfung der Sicherheitsfirmen. Seit Jahren fordert der Branchenverband, sämtliche Firmen und ihre Mitarbeiter regelmäßig auf deren Zuverlässigkeit zu überprüfen. Aber das interessierte niemanden. Was für jede Stewardess selbstverständlich ist, was etliche Maschinenbaufirmen oder Logistikunternehmen regelmäßig über sich ergehen lassen, hielten Bund und Land bei Sicherheitsdienstleistern für unnötig.

    Und das nicht aus Unwissenheit. Sowohl der BDSW als auch mehrere Gewerkschaften beklagen, sie hätten das NRW-Innenministerium gewarnt – vor Gefahren durch unterqualifiziertes, unkontrolliertes und nur nach Preis ausgewähltes Personal. Schon Ende 2013 hatte auch ein WDR-Team Innenminister Ralf Jäger mitgeteilt, die minimalen Ausbildungs- und Lohnvorgaben für private Sicherheitsleute würden in NRW hundertfach unterlaufen.

    Wollten Politiker die Symptome nicht erkennen?

    Im Frühling 2014 hatte dann das Team um den Kölner Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff einem Millionenpublikum vorgeführt, wie überfordert Mitarbeiter mancher Sicherheitsfirmen in Asylantenheimen agieren. Und im August hatte der Bürgermeister von Burbach im persönlichen Gespräch den Staatssekretär des Innenministeriums auf die Missstände in eben jenem Heim hingewiesen, in dem es nun zu Misshandlungen kam.

    Aber im Ministerium wollte man die privaten Sicherheitsanbieter nicht einmal mit spitzen Fingern anpacken. Man ignorierte sie. Und verzichtete darauf, höhere Qualitätsstandards zu definieren oder regelmäßige Kontrollen einzurichten. Dafür gibt es einleuchtende Gründe, meinen die Fachleute der Polizeigewerkschaften GdP und DPolG. Denn: Um die permanent wachsende Branche zu kontrollieren, müsste Personal eingestellt werden. Und das liefe der Ministeriumslinie zuwider, beim Staatspersonal zu sparen und es von Aufgaben zu entlasten – anstatt neue obendrauf zu legen.

    Vor allem auf Bundesebene sprach noch ein anderer Grund dafür, über die brisante Mischung aus geringer Qualifikation, fehlender Kontrolle und schlechten Arbeitsbedingungen hinwegzusehen: Sie war mit Blick auf den Arbeitsmarkt gewollt. In den Bundesministerien für Arbeit und Wirtschaft versprach man sich von diesem kaum regulierten Niedriglohnbereich (übrigens zurecht) neue Jobs für sonst schwer vermittelbare Ungelernte. Im Umkehrschluss: Durch höhere Anforderungen bei Lohn und Ausbildung drohten Jobs zu verschwinden.

    Große Probleme für die öffentliche Sicherheit

    Und schließlich wird auch ein anderer Befund von keinem Sicherheitspolitiker mehr bestritten: "Die gesamte Sicherheitsarchitektur" des Landes würde, wie der DPolG-Vorsitzende Erich Rettinghaus sagt, "zusammenbrechen" ohne private Sicherheitsfirmen. Sie sind unverzichtbar geworden. Wollte man die Privaten durch Polizisten ersetzen, bei Fußballsielen, an Bus- und Bahnsteigen, an Flughäfen oder bei Großveranstaltungen, müsste das Land Hunderte Millionen Euro investieren. Die hat es nicht.

    Deshalb beschränkte sich der Innenminister nach den Misshandlungsfällen auch auf eine kleinteilige Reaktion. Diese Woche verkündete er, fortan müssten sich Mitarbeiter in Flüchtlingsunterkünften vorab von Polizei oder Verfassungsschutz überprüfen lassen. Über Kontrollen bei anderem Sicherheitspersonal, über höhere Ausbildungsstandards und humanere Arbeitsbedingungen verlor er kein Wort. Wegen drei Übergriffen gegen Asylbewerber wird das unverzichtbare Reservoir billiger Sicherheitsknechte offenbar nicht zur Disposition gestellt.

Kommentare 6

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    Doph_Zügota -

    Ja Kollege Aufseher, da muss ich zustimmen! Nur stellt sich mir dann auch sofort die Frage: "Wie kann man dieser Problematik entgegenwirken"?

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    Aufseher -

    Die in diesem Beitrag eingangs geschilderte Situation ist durch ein doppeltes Versagen von Behörden entstanden: - Die Überprüfung der Person durch das Ordnungsamt erfolgte ungenügend. - Auftraggeber für den Sicherheitsdienst ist wiederum eine Behörde, die es unterlassen hat Subunternehmerschaft zu prüfen. So was nennt man Organisationshaftung!

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    Doph_Zügota -

    Das zunehmende Bedürfnis nach persönlicher und individueller Bewachung in der Gesellschaft hat einen riesigen Markt geöffnet. Jetzt ist es an der Zeit die Tätigkeiten in ein gesellschaftlich anerkanntes Berufsbild umzuwandeln, damit die Gesellschaft versteht, dass private Sicherheitsdienstleistungen nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein wichtiger Sicherheitsfaktor sind.

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      Wachleiter -

      Die dafür nötigen Berufsausbildungen bzw. Qualifikationen gibt es bereits seit vielen Jahren. Die sind aber alle freiwillig. Pflicht ist derzeit nur der 40 Std. Sitzschein. Bei bestimmten Aufgaben die SKP (was im Grunde einer 80 Std. Unterrrichtung mit "echter" Prüfung entspricht).

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    Fump -

    Hervorragend recherchierter Beitrag... mindestens so gut recherchiert wie die Bahnhofstoilette sauber und gelüftet

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    Henning -

    Ich weis ja nicht wie das in NRW ist aber in Baden - Würtemberg müssen Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen beim Amt für öffentliche Ordnung gemeldet werden. Somit wird auch eine Kontrolle durchgeführt, da dürfte so ein Mist nicht geschehen.

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      Maik82 -

      Also, es ist generell so dass Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen dem Ordnungsamt (je nach Bundesland heißt das unterschiedlich) gemeldet werden müssen. Allerdings ist die Überprüfung auch abhängig vom Arbeitswillen und der Motivation des Beamten. Da rutschen genügend Leute durch welche eigentlich, wenn man mal tiefer prüft, niemals eine Zulassung bekommen dürften.

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    Siegfried -

    Sicherheitsknechte, welch tolles Wort.