Die Einarbeitung

      Die Einarbeitung

      Die Einarbeitung

      Ich komme am Morgen kurz vor fünf zur Schicht, da sitzt er schon, unser neuer Kollege.

      Ich verabschiede den Diensthabenden Kollegen von der Nachtschicht nach der Übergabe, und beginne mit der Vorstellung meinerseits. Der neue Kollege murmelt ein müdes „Morgen“.

      Na, ja er muss seinen Namen auch nicht nennen, ich weiß ihn ja aus der Ankündigung. In den ersten zwei Stunden sagt er kaum ein Wort, außer Hm, wenn ich ihm etwas erkläre. Erst zu Mittag hin taut er auf, und erzählt mir in epischer Breite, wie gut er ausgebildet ist und was er nicht schon alles geleistet hat.

      Das einzige was er selbständig ausführt, ist die Herausgabe der Warnwesten. Irgendwann kommt jemand mit einer leichten Verletzung, ich fordere ihn auf jetzt selbständig zu handeln, weil ich ihm die Schritte mehrfach erklärt habe. Der neue Kollege guckt mich an und sagt: „Mach doch selber!“ Ich entgegne ihm:“ Schau mal, das ist eine minimale Verletzung, die man kaum noch sieht. Demnächst wirst du das können müssen, wir sind auch zu gleich Betriebssanitäter in diesem Objekt. Würdest du jetzt bitte anfangen, der Mitarbeiter muss wieder in die Produktion!“ Unwillig knurrend macht sich der Neue an die Arbeit.

      Desinfektion und Pflaster klappt gut, nun wird der Verbandbuch Eintrag angefertigt der bei uns im Objekt sehr ausführlich ist, und anschließend zur betreffenden Abteilung gemailt werden muss. Hierzu meinte mein neuer Kollege, dass er auch eine PC Sonderausbildung hätte.

      Da hat sicher jedes Objekt seine eigene Vorgehensweise, da ich aber solange wie ich im Sicherheitsdienst tätig bin im selben Objekt sitze (10 Jahre) kann ich keinen Vergleich anstellen.

      Das Gespräch mit dem Verletzten lasse ich ihn alleine machen, bei der Durchsicht des Berichts muss ich aber einige Rechtschreibfehler korrigieren. Unser SHE Mann ist super pingelig, und achtet auf sowas. Robert, so der Name meines neuen Kollegen ist pikiert, er habe schließlich den 34a mit Prüfung, und einen Realschulabschluss mit Qualifikation. Beim Ausfüllen des Verbandbuches müht er sich ab, ich muss eingreifen. „Wenn du das so abschickst landet es in der Zentrale, und dann haben wir ein Problem!“ Er guckt mich böse an „Du willst es mir wohl so richtig zeigen, wenn du so weiter machst beschwere ich mich bei der Geschäftsleitung!“

      Ich gehe darauf nicht ein und sage: „Jetzt machen wir das mal mit der Hauspost, du weißt ja noch was ich dir gezeigt habe“. Ächzend schiebt er sich die Treppe hoch, um die Briefe zu holen, in der Mittagspause hat er reingehauen wie ein bengalischer Tiger, was man ihm auch ansieht, so um die dreißig Kilo Zuviel dürften es wohl sein. Außerdem ist er ja schon siebenundzwanzig Jahre alt, das darf man nicht vergessen!

      Als er mit schweißnasser Stirn wiederkommt, keucht er mir erstmal eine Portion schlechten Atem ins Gesicht, er muss schon einige Zähne mit fortgeschrittener Karies haben, es riecht nach Verwesung. Er strahlt mich an und sagt „Ja da staunst du, so bekommst du mich nicht mürbe, erst neulich haben die Chefs in meiner alten Firma meine sportlichen Leistungen gelobt!“ Er droht mir wieder mit der Geschäftsleitung, „Du weißt ja, ältere Menschen wie du finden nicht mehr so leicht Arbeit, ich lasse mich nicht mobben!“

      „Also, niemand will dich hier mobben, ich versuche dir alles bei zu bringen was du wissen solltest, wenn du bald hier alleine sitzt. Und deine kindischen Drohungen kannst du bitte unterlassen!“

      Wir sitzen noch einige Zeit an der Einarbeitung, da eröffne ich ihm das ich jetzt eine Zigarettenpause machen werde. Er guckt mich mit großen Augen an „Du willst mich hier jetzt alleine lassen?“ Ich beruhige ihn und sage“ Eine Zigarette dauert ja keine Stunde“.

      Als ich zurückkomme, sitzt Robert stark nach vorne gebeugt im Sessel, und droht mit dem Kopf auf die vor ihm liegende Tischkante zu schlagen. „Hallo, nicht einschlafen, du stößt dir gleich den Kopf“. Robert schreckt hoch und sagt: „Ich habe nicht geschlafen, nur überlegt.“ Nach dem abrupten Ende seines Nickerchens ist jetzt die Arbeitsmoral stark geschwächt, jede Aufforderung es einmal selbst zu probieren wird mit dem Satz quittiert; „Ich muss mir das alles erst in Ruhe angucken“!

      Irgendwann geht auch dieser Tag zu Ende, und ich bin froh das die Schicht vorbei ist.

      Am nächsten Morgen ist Robert vom vorherigen Tag so geschwächt, das er sich als die Kantine geöffnet hat, erstmal drei Frikadellen, und zum Nachtisch vier Mars rein kloppen muss. Immer wieder animiere ich ihn, gelernte Arbeitsschritte doch mal selber durch zu führen, aber nein, er muss sich das in aller Ruhe erstmal angucken.

      Er droht mir schon wieder „Wenn du mich hier schikanierst, werde ich mich bei der Disposition beschweren!“

      Jetzt musste er erstmal eine rauchen gehen, das ist auch völlig in Ordnung. Mittlerweile wusste er auch, das Rauchen nur in den dafür vorgesehenen Points erlaubt ist. Er stellt sich nun an das Lager mit den Flaschen, in denen technische Gase sind, Das bleibt natürlich nicht unentdeckt, ein leitender Mitarbeiter des Kunden erteilt ihm eine harsche Rüge. Völlig zu Recht, als er sich bei mir beschwert, bekommt er von mir nochmal eine. Ich reiche ihm das Firmen Handy „Möchtest du bei der Disposition anrufen?“ Er wird puterrot und marschiert erstmal in die Keramik Abteilung.

      Bis jetzt habe ich mir alles mit der Geduld eines tibetanischen Gebirgsmönchs angesehen, als die Schicht zu Ende geht, sage ich ihm Bescheid;“ Alles was ich dir hier zeige, wirst du später alleine machen müssen! Du hast jetzt nur noch drei Tage Einarbeitung, dann muss das meiste sitzen, und dieser Job besteht nicht darin die Frikadellen und Schokoriegel in der Kantine zu reduzieren!“

      „Am Montag haben wir die nächste Einweisung, und dann wirst du die ganze Schicht alleine arbeiten, mit mir im Hintergrund, das ist auch mit der Disposition so abgesprochen!“ Das Ende der Schicht ist da, er zieht schmollend ab, ohne sich zu verabschieden.

      Am Montag steige ich aus dem Wagen, und sehe nur den Kollegen der Nachtschicht, vielleicht hat sich Robert ja verspätet, gewundert hätte es mich nicht. Als ich die erste Stunde Dienst hinter mich gebracht habe, klingelt das Telefon. Die Disposition ist dran und teilt mir mit das Robert sich für eine Woche krankgemeldet hat.

      Im Nachgang fragt sie mich, wie sich den der Robert so macht. Ja, was sollte ich sagen, ich blieb bei der Wahrheit, als ich auflegte fühlte ich mich schlecht. An alle die diese Story lesen und mich vielleicht als Kollegenschwein sehen noch eine Erklärung: Wenn ich die Leistungen schöngeredet hätte, wäre das bei Roberts ersten Einsatz, den er alleine gemacht hätte aufgeflogen, er hätte es ohne Hilfe nicht geschafft. Und ich würde dann bei der Disposition als Lügner dastehen, dem man nicht vertrauen kann. Ihr könnt mir glauben, dass es mir nicht leicht gefallen ist die Wahrheit zu sagen, und Robert damit zu schaden.

      Robert hatte hingegen beim letzten Gespräch mit der Disposition behauptet, dass alles nur so gekommen ist, weil ich ihn schikaniert hätte, wo es nur geht. Und das ich gar kein Händchen für sensible Menschen wie ihn hätte! Als er dann noch behauptete, er könne überall anfangen, und er hätte es gar nicht nötig in unserer Firma zu bleiben, hat man ihn freundlich hinauskomplimentiert

      Wenn ich Robert heute nochmal treffen würde, wollte ich gerne die Adresse seiner Apotheke haben, diese Pillen möchte ich auch!!

      Später hörte ich, dass er auch andere Abteilungen durchlaufen hatte, mit ähnlichen Beurteilungen. Schon nach ein paar Wochen in der Probezeit musste er gehen, was mir auch leidtat, auf der anderen Seite habe ich mir alle Mühe gegeben, doch er wollte wohl seine Chance auch nicht nutzen. In einer langen Reihe von mir durchgeführten Einweisungen ist es der wohl hoffnungsloseste Fall, den ich je hatte. Ich möchte mit einem Goethe Zitat schließen:

      „Er ist nun frei, und unsere Tränen wünschen ihm Glück!“
      Interessanter Bericht. Hatte sowas ähnliches mit einem Auszubildenden. Ich habe ihm nach 4 Wochen geraten sich nach einer anderen Ausbildung umzusehen die ihm eher liegen würde. Jeder Mensch versaut sich sein Leben selber dafür braucht es keine anderen.
      Aber es gibt halt den Schlag Menschen die für ihr Verhalten lieber andere als sich selbst verantwortlich zu machen.
      Also ein Rat von jemanden der selber relativ regelmäßig neue Leute einweist, mach dir keinen Kopf du hast alles richtig gemacht.
      Wer beschützen will geht zur Polizei oder zur Bundeswehr.
      Wer auf Dinge aufpassen will geht ins Bewachungsgewerbe.

      Eigensicherung geht vor allem!
      Sowas ähnliches haben wir zur Zeit auch und wie ich den auf meine "Stammposition" (diese ist immer im Dienstplan neben den anderen ) wollte er mir erklären was meine Aufgabe ist, das ist eine Woche her. Gestern wollte er mir noch sagen das ich die Sonderbestreifung nicht vergessen soll, weil ich in die Gegenrichtung gegangen bin. Ich hatte einen Auftrag von der Sicherheitszentrale und der geht vor. Der petzt auch alles gleich dem Schichtführer. gut das unser Objekt ziemlich groß ist da kann man sich aus dem Weg gehen.
      Der arme Robert...

      Solche Leute gibt es eben mal. Die haben dann eben keine Lust und da musst du dir keine Sorgen machen bzgl. "Kollegenschwein". Nach deiner Geschichte zu urteilen, hatte er von Anfang an keine Lust und das er nun weg ist lag nicht an dir. Grundsätzlich muss man die Leute so behandeln, wie sie behandelt werden wollen.

      Er hat zwar recht mit "ich muss hier nicht bleiben, ich kann überall hin", jedoch sieht es auf seinem Lebenslauf nicht gut aus, wenn er überall -3 Monate mal war. "Die Sicherheitswelt ist sehr klein".

      Was ich auch raus lese ist, dass Robert faul ist. Das scheint bei einigen "normal" zu sein. Entweder hat man über den Tag eine "anständige" Auslastung, oder "nichts" zu tun. Letzteres kann jedoch zum Problem werden, denn dann sind auch kleine Aufgaben mal eben eine Herausforderung. So hatte ich es auch schon bei einigen meiner früheren Kollegen bemerkt.
      Gestern hatte ich einen zum einarbeiten, ich habe mich richtig erschrocken! Wissbegierig und voller Einsatzwillen, dazu kann er mit dem PC umgehen, und ist sogar gut in Deutsch schriftlich und mündlich. Und ist er sogar noch sympatisch, eine Belohnung meiner geschundenen Einarbeiter Seele! :P