Alle sechs Monate!

      Alle sechs Monate!

      Ich möchte es vorweg sagen, ich schreibe diese Geschichte nicht, um Mitgefühl zu erregen. Es geht mir darum, die Situation eines Harz vier Empfängers auf zu zeigen, damit alle die noch nie davon betroffen waren, eine Vorstellung bekommen. Ich habe gerade meine Frau verabschiedet, die glückliche, sie geht zur Arbeit. Ich erledige den Abwasch, gucke dann auf der Seite der Agentur für Arbeit nach Stellen, die es nicht gibt. Als ich von Feinkost Albrecht zurückkomme, war der Brief Zusteller schon da. Die Klappe des Briekastens wird an ihren maximalen Öffnungswinkel gedrückt, so dick ist der Brief Stapel. Es sind heute außergewöhnlich viele Absagen, fünf an der Zahl. Leider haben wir in unserem jungen, dynamischen und an maximaler Effizienz orientiertem Team keine passende Stelle mehr für sie. Als Krönung der guten Nachrichten fiel ein kleiner Umschlag aus dem Stapel, als ich ihn weg legen wollte. Das recycelte Papier lies mich nichts Gutes ahnen. Die Muräne hatte mir eine Einladung geschickt, zum alle sechs Monate statt findenden Gespräch. Manche nennen es auch Hausschlachtung. Am Montag der darauf folgenden Woche war der große Tag, ich hatte keine Lust überhaupt auf zu stehen. Um acht Uhr war der Termin, ich war schon zwanzig Minuten vorher da. Bei diesem Gespräch muss man sich rechtfertigen warum man noch keine Arbeit gefunden hat, und was man aktiv dagegen unternimmt. Die Anzahl der Bewerbungen wird kontrolliert und durch gesprochen, vierundzwanzig in sechs Monaten waren damals Pflicht. Besser man hatte das doppelte, und auf keinen Fall unter der vorgeschriebene Anzahl. Ich ging auf das Gebäude zu, ich bin Musik Fan und zu Alltagssituationen gehen mir manchmal Melodien durch den Kopf. Ich hörte gerade die auf einer Mundharmonika gespielte Musik eines sehr bekannten Western Films. Ich ging die Treppe hoch, und setzte mich auf die Bank. Während ich in meiner Tasche guckte, ob ich die Unterlagen vollständig habe, und nach Verbandsmaterial, um die Bisswunden notdürftig versorgen zu können, wurde es laut. Der Kunde im Nachbar Büro hatte seinen Termin verschlafen und zu wenig Bewerbungen. Er bekam zwanzig Prozent und jede Menge Bewerbungsvorschläge. Hier muss ich dem Kollegen Nemere Recht geben, es gibt Leute, die einfach nicht zu vermitteln sind. Wie kann man, wenn so viel Zeit da ist, seinen Termin vergessen, und dann noch mit viel zu wenig Bewerbungen zum Gespräch auf kreuzen? Ich war auch ein wenig neugierig, die Muräne war mir vor ein paar Monaten als Sachbearbeiterin zugeteilt worden, ich hatte sie noch nie gesehen. Vor meinem geistigen Auge hatte ich eine Art Mutti Typ leicht adipös, die sich und die Welt aber vor allen Dingen ihre Kunden hasste. Da ging die Tür des Büros auf, in das ich hinein musste. Mein Vorgänger hatte keine auffälligen Verletzungen, und ging noch aufrecht, das ließ sich ja gut an! Als ich das Büro betrat, war ich sehr erstaunt, die Stimme passte nicht zu dieser Frau. Sie war sehr hübsch, und als sie mir ihre Hand gab war es nicht unangenehm. Sie eröffnete das Gespräch, und erzählte mir dass sie aus dem Osten stammt, und Sozial Pädagogik studiert hätte. (Ihre Stimme hätte sehr gut zu einer Mähdrescher Fahrerin in der Ernst Thälmann Brigade Getreide Drusch gepasst). Im weiteren Verlauf des Gesprächs erzählte sie mir Freude strahlend, dass sie für mich eine ganz tolle Maßnahme hätte!!! Ich sagte, dass ich mich freue, die Wahrheit will dort niemand hören. Sechs Monate soll sie dauern. Und dann Herr XXX sehen wir uns ja auch schon wieder, und sprechen über die erreichten Ziele. Die Verabschiedung hielt mich davon ab, mich vor Vorfreude auf dem Boden zu wälzen. Ich hatte schon zwei von diesen Kursen zur statistischen Bereinigung mit gemacht. Zwei Ziele werden in diesen Maßnahmen auf jeden Fall immer erreicht, die Arbeitslosen werden immer frustrierter und die Konten der Veranstalter immer voller. In der allerersten Maßnahme hatte ich gelernt mit einem Computer um zu gehen, der Rest ist Schweigen und hat mich nicht weiter gebracht. Acht Vermittlungsvorschläge, so heißt das im Amtsdeutsch hatte sie mir mit gegeben. Mein Glück war, das ihr Drucker leer war, und sie das Papier aus einem anderen Raum holen musste. Sie kündigte mir aber an, an dem nächsten Tag noch welche ab zu schicken. Auch wenn man die meisten Anschreiben gespeichert hat, und nur die Adresse ändern muss, ist es doch nervig. Zumal es nicht von Erfolg gekrönt ist, weil die meisten Stellen gar nicht passen. Um es vorweg zu sagen, bei dem letzten Bombardement von Vermittlungsvorschlägen war diese Stelle dabei, die ich auch heute noch habe. Der alte knorrige Sicherheitsmann, der das Objekt leitete, gab mir den Vorzug vor einem fast dreißig Jahre jüngeren Mann. Was ihn von mir überzeugt hat, war die Tatsache, dass ich in meiner alten Firma zwanzig Jahre beschäftigt war, und das sehr gute Zeugnis. Jetzt waren alle zufrieden, die Muräne, das sie mich doch noch losgeworden ist, und ich, weil endlich wieder eine Arbeit vorhanden war. Als ich von dem Vorstellungsgespräch nach Hause kam, setzte ich mich erstmal hin, und döste ein. Ich hatte wieder einen Traum. Ich stand mitten auf einem Weg, der durch riesige landwirtschaftliche Flächen führte. Eine Blaskapelle zog an mir vorbei, in der Mitte ein Aktivist Schlepper der einen Anhänger zog, auf ihm stand der Arbeitsminister und warf Vermittlungsvorschläge in die nicht vorhandene Menschen Menge. Er rief: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch Erleichterung verschaffen!! Dahinter marschierten Soldaten die sangen, die Arge hat immer Recht! Ich fing einen Umschlag auf, und öffnete ihn, ein weißer Zettel mit der Aufschrift Niete war dort drin. Als der Zug außer Sichtweite war, kehrte wieder Ruhe ein. Nach einer Weile hörte ich einen großen Motor dröhnen, ich blickte angestrengt in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Dann erkannte ich einen Fortschritt Mähdrescher der näher kam. Als der Mähdrescher in meiner Höhe war, hielt er an, und ich fragte ob er mich in das nächste Dorf mitnehmen könnte. Die Fahrerin sagte ja, irgendwo hatte ich diese Muränen artige Stimme schon mal gehört!? Die Fahrerin war sehr hübsch, ein Kopftuch umhüllte ihr apartes Gesicht. Sie fragte, ob wir nicht eine Pause an der Scheune dahinten machen sollten, ja gerne sagte ich, ich bin auch sehr erschöpft!!!! An der Scheune angekommen, stieg ich von dem Mähdrescher ab und rannte voller Vorfreude auf das Tor zu. Es öffnete sich plötzlich, und vor mir stand meine Frau! Sie trug eine Vopo Uniform, und drosch mit einem Gummiknüppel auf mich ein, du treuloser Hund, schrie sie. Ich blickte mich Hilfe suchend zur Fahrerin des Mähdreschers um. Sie stand plötzlich hinter mir mit einem riesigen Schraubenschlüssel in der Hand, und rief: Jetzt geben wir dir den Rest!!! Ich wachte schweiß gebadet auf, und machte mich erstmal frisch inclusive Hemdenwechsel. Dann kochte ich Kaffee, meine Frau würde gleich von der Arbeit nach Hause kommen. Als ich ihr erzählte, dass ich wieder Arbeit hatte, war sie sehr glücklich, meine Augen wurden feucht! Aber das war eine Heuschnupfen Attacke, was trieb ich mich auch zur Erntezeit in einer Kolchose rum…….